»Was uns trägt« – Eine Diskussion über Herkunft und Zukunft mit Gästen aus Wissenschaft, Literatur und Politik
Mit André Knapp, Franka Maubach, Landolf Scherzer
Moderation: Romy Gehrke
Was trägt uns in dieser Zeit, in der vieles gleichzeitig ins Rutschen geraten ist: politische Gewissheiten ökonomische Versprechen, ökologische Grundlagen, soziale Bindungen? In der öffentliche Debatten lauter, schriller, oft auch simpler werden? In der populistische Antworten Zulauf finden, weil sie Orientierung versprechen – und dabei Komplexität verkürzen? In der die leisen, wichtigen Stimmen der Literatur unterzugehen drohen?
Dabei sind Schriftstellerinnen und Schriftsteller Seismographen gesellschaftlicher Veränderungen. Sie spüren Verschiebungen im Denken, Fühlen und Handeln, lange bevor diese politisch benannt oder statistisch erfasst werden. Literatur findet Worte für Erfahrungen, für die uns im Alltag oft noch die Begriffe fehlen. Sie fragt nicht zuerst nach Lösungen, sondern nach dem, was mit und durch uns geschieht: individuell, sozial, historisch.
Geschichte vollzieht sich nicht nur als Abfolge großer Ereignisse. Sie setzt sich fort in unseren Entscheidungen, unserem Zögern, unserem Mitmachen oder Wegsehen. Finanzielle Instabilität, Klimakrise, Ressourcenverbrauch und weltweite Migrationsbewegungen verweisen auf eine Lebens- und Wirtschaftsweise, die an ihre Grenzen stößt. Nach Jahrzehnten des Fortschrittsoptimismus wächst die Verunsicherung. In vielen europäischen Gesellschaften gewinnen autoritäre, nationalistische und ausgrenzende Positionen an Einfluss. Politische Schlagworte – von militärischer Aufrüstung bis zur Abschottung – prägen den öffentlichen Raum.
Was aber bedeuten diese Entwicklungen im gelebten Alltag? Wie verändern sie das Zusammenleben in Städten und Gemeinden, das Selbstverständnis von Verantwortung, Solidarität und Gemeinwohl? Und wie lassen sich diese Erfahrungen jenseits politischer Programme und tagesaktueller Debatten verstehen?
Literatur konfrontiert uns mit unserer eigenen Beteiligung am Geschehen. Sie ist unbequem, weil sie Verantwortung nicht delegiert. Sie fordert dazu auf, das eigene Handeln – und Nicht-Handeln – als Teil historischer Prozesse wahrzunehmen. „Du musst dein Leben ändern“ (Rilke): Diese Zumutung richtet sich nicht abstrakt an „die Gesellschaft“, sondern an jede und jeden Einzelnen.
Die vierteilige Gesprächsreihe „Was uns trägt“ des Thüringer Literaturrates und der Landeszentrale für politische Bildung in Thüringen knüpft an die Diskussionen des vergangenen Jahres an und führt sie fort. Im Dialog von Menschen aus der Praxis und der Theorie, aus der Literatur, der Wissenschaft, besonders der Geschichte, Philosophie und Politikforschung und Persönlichkeiten, die in Kommunen konkret Verantwortung tragen, soll Raum entstehen für gemeinsames Nachdenken, für Zweifel, für Perspektiven.
André Knapp, geb.1973 in Schmalkalden, ist seit 2018 Oberbürgermeister der Stadt Suhl. Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann war er für die Rhön-Rennsteig-Sparkasse tätig. 2004–2007 absolvierte er ein Studium der Finanzwirtschaft an der Hochschule der Sparkassen-Finanzgruppe. Ab 2005 leitete er die Immobilienabteilung der Rhön-Rennsteig-Sparkasse. Knapp ist seit 2009 Mitglied der CDU, war von 2009–2014 Sachkundiger Bürger im Finanz‑, Vergabe- und Rechnungsprüfungsausschuss der Stadt Suhl. Von 2010–2012 war er Beisitzer im Kreisvorstand der CDU Suhl, von 2012 – 2015 stellvertretender Kreisvorsitzender der CDU Suhl und von 2014 – 2018 Stadtratsmitglied und Fraktionsvorsitzender.
Franka Maubach, geb. 1974 in Remscheid-Lennep, PD Dr. phil., Professorin für Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt im Nationalsozialismus an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. 2007 Promotion zum Thema »Die Stellung halten. Erfahrungsräume und Lebensgeschichten von Wehrmachthelferinnen«. 2006 – 2009 Post-doc-Stipendiatin im Forschungsprojekt »Erinnerung – Macht – Geschichte« der Volkswagenstiftung. 2010 – 2012 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am DFG-Graduiertenkolleg »Generationengeschichte«, Georg-August-Universität Göttingen. 2012 – 2013 Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Braunschweig. 2014 – 2019 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Institut der FSU Jena, Lehrstuhl Neuere und Neueste Geschichte. 2015 Visiting Research Fellow, Department of History der Princeton University. 2021 Habilitation an der FSU Jena. 2022–2023 Vertretungsprofessur am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Bergischen Universität Wuppertal.
Landolf Scherzer, geb. 1941 in Dresden. Lebte ab 1954 in Forst, Nach einem Journalistikvolontariat bei der „Lausitzer Rundschau“ in Cottbus studierte er von 1962–1965 an der Fakultät für Journalistik in Leipzig. Aufgrund kritischer Reportagen wurde er von der Fak.Jour. exmatrikuliert. Anschließend war er bis 1975 Redakteur beim »Freien Wort« in Suhl. Seitdem arbeitet er als freischaffender Schriftsteller. 1977 wurde er Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR und Vorsitzender des Bezirksverbands Suhl. 1986 wurde er mit dem Heinrich-Heine-Preis der DDR ausgezeichnet. Von 1994 bis 2001 und von 2003 bis 2006 war er Vorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller, LV Thüringen. 2010 erhielt er den Walter-Bauer-Preis der Städte Leuna und Merseburg. Er lebt in Dietzhausen bei Suhl.
Romy Gehrke, geb.1967 in Anklam, lebt seit 2008 in Thüringen und arbeitet als freie Fernsehredakteurin. Nach einem Studium in Frankfurt am Main war sie zunächst Bühnen-Schauspielerin, studierte in Berlin zusätzlich Kulturwissenschaften und ging als Kulturredakteurin zum MDR-Rundfunk. Mit dem Doppelblick fürs Schauspiel und die Wandlungen der Kultur erschafft sie unkonventionelle Porträts über Bücher und ringt um mehr Aufmerksamkeit für Literatur im Fernsehen.
Veranstalter: Landeszentrale für politische Bildung in Thüringen / Thüringer Literaturrat e.V. in Zusammenarbeit mit dem Provinzkultur e.V. und der Stadt Suhl. Mit freundlicher Unterstützung des Thüringer Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur.