»Was uns trägt« – Eine Diskussion über Herkunft und Zukunft mit Gästen aus Wissenschaft, Literatur und Politik
Mit Kai Buchmann, Prof. Dr. Philipp Lepenies, Tina Pruschmann
Moderation: Dr. Annette Seemann
Was trägt uns in dieser Zeit, in der vieles gleichzeitig ins Rutschen geraten ist: politische Gewissheiten ökonomische Versprechen, ökologische Grundlagen, soziale Bindungen? In der öffentliche Debatten lauter, schriller, oft auch simpler werden? In der populistische Antworten Zulauf finden, weil sie Orientierung versprechen – und dabei Komplexität verkürzen? In der die leisen, wichtigen Stimmen der Literatur unterzugehen drohen?
Dabei sind Schriftstellerinnen und Schriftsteller Seismographen gesellschaftlicher Veränderungen. Sie spüren Verschiebungen im Denken, Fühlen und Handeln, lange bevor diese politisch benannt oder statistisch erfasst werden. Literatur findet Worte für Erfahrungen, für die uns im Alltag oft noch die Begriffe fehlen. Sie fragt nicht zuerst nach Lösungen, sondern nach dem, was mit und durch uns geschieht: individuell, sozial, historisch.
Geschichte vollzieht sich nicht nur als Abfolge großer Ereignisse. Sie setzt sich fort in unseren Entscheidungen, unserem Zögern, unserem Mitmachen oder Wegsehen. Finanzielle Instabilität, Klimakrise, Ressourcenverbrauch und weltweite Migrationsbewegungen verweisen auf eine Lebens- und Wirtschaftsweise, die an ihre Grenzen stößt. Nach Jahrzehnten des Fortschrittsoptimismus wächst die Verunsicherung. In vielen europäischen Gesellschaften gewinnen autoritäre, nationalistische und ausgrenzende Positionen an Einfluss. Politische Schlagworte – von militärischer Aufrüstung bis zur Abschottung – prägen den öffentlichen Raum.
Was aber bedeuten diese Entwicklungen im gelebten Alltag? Wie verändern sie das Zusammenleben in Städten und Gemeinden, das Selbstverständnis von Verantwortung, Solidarität und Gemeinwohl? Und wie lassen sich diese Erfahrungen jenseits politischer Programme und tagesaktueller Debatten verstehen?
Literatur konfrontiert uns mit unserer eigenen Beteiligung am Geschehen. Sie ist unbequem, weil sie Verantwortung nicht delegiert. Sie fordert dazu auf, das eigene Handeln – und Nicht-Handeln – als Teil historischer Prozesse wahrzunehmen. »Du musst dein Leben ändern« (Rilke): Diese Zumutung richtet sich nicht abstrakt an »die Gesellschaft«, sondern an jede und jeden Einzelnen.
Die vierteilige Gesprächsreihe »Was uns trägt« des Thüringer Literaturrates und der Landeszentrale für politische Bildung in Thüringen knüpft an die Diskussionen des vergangenen Jahres an und führt sie fort. Im Dialog von Menschen aus der Praxis und der Theorie, aus der Literatur, der Wissenschaft, besonders der Geschichte, Philosophie und Politikforschung und Persönlichkeiten, die in Kommunen konkret Verantwortung tragen, soll Raum entstehen für gemeinsames Nachdenken, für Zweifel, für Perspektiven.
Philipp Lepenies, geboren 1971, ist Ökonom und Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Seit 2022 ist er zudem Leiter des Forschungszentrums für Nachhaltigkeit am Otto-Suhr-Institut. Im Suhrkamp Verlag ist von ihm erschienen: Joseph Townsend, Über die Armengesetze. Streitschrift eines Menschenfreundes (als Herausgeber, stw 1982), Die Macht der einen Zahl. Eine politische Geschichte des Bruttoinlandsprodukts (es 2673) sowie Verbot und Verzicht. Politik aus dem Geiste des Unterlassens (es 2787), zuletzt »Souveräne Entscheidungen« (es 2844).
Tina Pruschmann, geboren 1975 in Schmalkalden, lebt als Schriftstellerin in Leipzig. Sie hat Soziologie und Soziale Verhaltenswissenschaft studiert. Der Versuch, einen ordentlichen Beruf zu ergreifen, führte sie in Juravorlesungen, an eine Förderschule, in eine psychiatrische Klinik und in das Lehrerzimmer einer Berufsfachschule. 2017 erschien ihr Debütroman Lostage im Residenz Verlag. Es folgten 2019 der Foto-Interview-Band gottgewollt (mit Marco Warmuth, Fotografie) und 2022 der Roman Bittere Wasser, für den sie 2025 den Lessing-Förderpreis des Landes Sachsen erhielt.. Zuletzt erschien von ihr 2025 (gemeinsam mit Alexander Leistner, Manja Präkels und Barbara Thériault der Reportagenband »Extremwetterlagen«.
Kai Buchmann, geb. 1976 in Nordhausen und hier aufgewachsen, ist seit 2017 Oberbürgermeister der Stadt Nordhausen (parteilos, bis 2016 Bündnis 90/Die Grünen). Seit 2019 ist er Mitglied des Kreistags (Bürgerliste Südharz). Nach einer Lehre als Bankkaufmann studierte er Betriebswirtschaftslehre und interkulturelles Management in Jena. Ab 2005 war er Projektmanager am Business und Innovation Centre Nordthüringen, wo er für EU-Projekte zuständig war. Ab 2013 war er als Referent der Geschäftsführung des Südharz-Klinikums tätig. Von 2009 bis 2016 war er sachkundiger Bürger im Finanzausschuss der Stadt Nordhausen.
Dr. Annette Seemann, geb. 1959 in Frankfurt am Main, Autorin und Übersetzerin, Studium der Germanistik und Romanistik in Frankfurt a. M. und Poitiers (Frankreich),1986 Promotion, Ergänzungsprüfung für das Unterrichtsfach Italienisch an Gymnasien, 1990–2000 freie Autorin des »FAZ«-Magazins, seit 2003 Vorsitzende des Freundeskreises »GAAB e. V.«, lebt seit 2002 in Weimar.
Veranstalter: Landeszentrale für politische Bildung in Thüringen / Thüringer Literaturrat e.V. in Zusammenarbeit mit Stadtbibliothek »Rudolf Hagelstange« Nordhausen und der Stadt Nordhausen. Mit freundlicher Unterstützung des Thüringer Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur.