»Was uns trägt« – Eine Diskussion über Herkunft und Zukunft mit Gästen aus Wissenschaft, Literatur und Politik
Mit Daniela Danz, Manuela Henkel, Peter Neumann
Moderation: Sebastian Haak
Was trägt uns in dieser Zeit, in der vieles gleichzeitig ins Rutschen geraten ist: politische Gewissheiten ökonomische Versprechen, ökologische Grundlagen, soziale Bindungen? In der öffentliche Debatten lauter, schriller, oft auch simpler werden? In der populistische Antworten Zulauf finden, weil sie Orientierung versprechen – und dabei Komplexität verkürzen? In der die leisen, wichtigen Stimmen der Literatur unterzugehen drohen?
Dabei sind Schriftstellerinnen und Schriftsteller Seismographen gesellschaftlicher Veränderungen. Sie spüren Verschiebungen im Denken, Fühlen und Handeln, lange bevor diese politisch benannt oder statistisch erfasst werden. Literatur findet Worte für Erfahrungen, für die uns im Alltag oft noch die Begriffe fehlen. Sie fragt nicht zuerst nach Lösungen, sondern nach dem, was mit und durch uns geschieht: individuell, sozial, historisch.
Geschichte vollzieht sich nicht nur als Abfolge großer Ereignisse. Sie setzt sich fort in unseren Entscheidungen, unserem Zögern, unserem Mitmachen oder Wegsehen. Finanzielle Instabilität, Klimakrise, Ressourcenverbrauch und weltweite Migrationsbewegungen verweisen auf eine Lebens- und Wirtschaftsweise, die an ihre Grenzen stößt. Nach Jahrzehnten des Fortschrittsoptimismus wächst die Verunsicherung. In vielen europäischen Gesellschaften gewinnen autoritäre, nationalistische und ausgrenzende Positionen an Einfluss. Politische Schlagworte – von militärischer Aufrüstung bis zur Abschottung – prägen den öffentlichen Raum.
Was aber bedeuten diese Entwicklungen im gelebten Alltag? Wie verändern sie das Zusammenleben in Städten und Gemeinden, das Selbstverständnis von Verantwortung, Solidarität und Gemeinwohl? Und wie lassen sich diese Erfahrungen jenseits politischer Programme und tagesaktueller Debatten verstehen?
Literatur konfrontiert uns mit unserer eigenen Beteiligung am Geschehen. Sie ist unbequem, weil sie Verantwortung nicht delegiert. Sie fordert dazu auf, das eigene Handeln – und Nicht-Handeln – als Teil historischer Prozesse wahrzunehmen. „Du musst dein Leben ändern“ (Rilke): Diese Zumutung richtet sich nicht abstrakt an „die Gesellschaft“, sondern an jede und jeden Einzelnen.
Die vierteilige Gesprächsreihe „Was uns trägt“ des Thüringer Literaturrates und der Landeszentrale für politische Bildung in Thüringen knüpft an die Diskussionen des vergangenen Jahres an und führt sie fort. Im Dialog von Menschen aus der Praxis und der Theorie, aus der Literatur, der Wissenschaft, besonders der Geschichte, Philosophie und Politikforschung und Persönlichkeiten, die in Kommunen konkret Verantwortung tragen, soll Raum entstehen für gemeinsames Nachdenken, für Zweifel, für Perspektiven.
Dr. Daniela Danz, geb. 1976 in Eisenach, studierte Kunstgeschichte und Deutsche Literatur in Tübingen, Prag, Berlin und Halle. Sie arbeitet als Autorin, lehrt an der Universität Hildesheim und lebt mit ihrer Familie in Kranichfeld. 2013 bis 2020 leitete sie das Schillerhaus Rudolstadt, seitdem leitet sie den Bundeswettbewerb „Demokratisch handeln“. Seit 2021 ist sie Vizepräsidentin der Akademie der Wissenschaft und Literatur Mainz. Für ihr literarisches Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u.a. 2023 den Thüringer Literaturpreis und 2026 den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Manuela Henkel ist seit 2020 in zweiter Amtszeit Bürgermeisterin der Stadt Geisa. Sie war als Kreditreferentin und Innenleiterin bei einer Privatbank tätig und schloss ein Studium bei der Bankakademie in Frankfurt am Main ab; arbeitete beim Caritasverband für das Bistum Fulda als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, sammelte Erfahrungen im PR- und Marketingbereich und war im Anschluss als freie Redakteurin tätig.
Peter Neumann, geboren 1987, ist promovierter Philosoph. Er lehrte an den Universitäten Jena und Oldenburg und ist seit November 2021 Redakteur im Feuilleton der Wochenzeitung DIE ZEIT. 2018 erschien bei Siedler „Jena 1800. Die Republik der freien Geister“, und zuletzt »Feuerland. Eine Reise ins lange Jahrhundert der Utopien 1883–2020« (2022). Peter Neumann lebt in Berlin.
Sebastian Haak war Volontär beim „Freien Wort“, dann Redakteur, Ressortleiter Wirtschaft und Chef vom Dienst bei news.de, absolvierte ein Promotionsstudium am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt, erhielt 2019 den Journalistenpreis Thüringen, arbeitet seit 2012 als freier Journalist und schreibt für zahlreiche regionale und überregionale Zeitungen. Er moderierte u.a. für die Thüringer Staatskanzlei, den Thüringer Landtag, das Thüringer Innenministerium, die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Naturfreunde Thüringen, Mobit, die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, das Deutsche Nationaltheater, den Weimarer Republik e.V., den Katholikentag 2024.
Veranstalter: Landeszentrale für politische Bildung in Thüringen / Thüringer Literaturrat e.V. in Zusammenarbeit mit der Stadt Geisa und der Point Alpha Stiftung. Mit freundlicher Unterstützung des Thüringer Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur.