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Jens Kirsten zu einem Buchprojekt zur Deutschen Einheit

Ostthüringer Zeitung, 27.10.2015

25 Jahre friedliche Revolution und Deutsche Einheit. Der Thematik widmet sich der Band „Vom Geist der Stunde“. Mitherausgeber Jens Kirsten gibt Auskunft über die Publikation.

Das Gespräch führte Annerose Kirchner.

Was war der Auslöser für diese Publikation?
Auslöser war der Text von Hanns Cibulka „Geschichte ist keine Silvesternacht“ von 1990. Darin spricht der Schriftsteller vom „Herbst der brennenden Kerzen“, von der neuen politischen Ära und von den neuen Herausforderungen der Zukunft. Christoph Schmitz-Scholemann und ich haben dann ein Konzept überlegt, in dem es um Texte gehen sollte, die von Umbrüchen und Aufbrüchen künden, die aber nicht retrospektiv sind. Sie wurden fast ausschließlich von akademisch gebildeten und kreativen Kreisen verfasst, denn uns ging es um ein literarisches Buch, das historische Erkenntnisse vermitteln soll, aber gleichzeitig auch spannende Unterhaltung. Eine Veröffentlichung, die weiterwirken soll. Leider leben einige der Verfasser wie Harald Gerlach, Walter Schilling und Eberhard Haufe nicht mehr.

Sie wollten also keine Rückschau aus heutiger Sicht?
Aus heutiger Sicht ist es ja ganz leicht, sich mit den historischen Gegebenheiten der letzten 25 Jahre auseinanderzusetzen und rückblickend zu konstatieren, das vieles illusorisch war, etwa die Überlegung eines eigenständigen Staates, eines dritten Weges. Und es gibt bereits verschiedene Bücher, die fast alle aus der Erinnerungsperspektive von zehn, fünfzehn Jahren gemacht sind und über die Ereignisse in Sondershausen oder Gotha erzählen. Da erinnern sich die Leute zwar authentisch, aber nicht im direkten Geist der Stunde. Das ist eine andere Wahrnehmung als in Texten, die spontan in kirchlichen Räumen entstanden und auf Ormig-Papier gedruckt wurden.

Nun leben die beiden Herausgeber in Weimar. Bezieht sich der Band hauptsächlich auf diese Stadt?
Nein. Wir wollten die Texte nicht nur auf Weimar begrenzen, sondern auf Thüringen, Deutschlands Mitte. Es gibt natürlich Beiträge jener, die in Weimar Protagonisten des Umbruchs waren wie Edelbert Richter, Pfarrer, Mitglied der letzten Volkskammer der DDR und später Mitglied im Bundestag. Er war wohl der einzige, der sich immer schon zu DDR-Zeiten ab 1980 als Vordenker philosophisch mit „Abgrenzung und nationaler Identität“ auseinandergesetzt hat. Als wir anfingen, Texte zu sortieren, haben wir zuerst bei den Schriftstellern nachgeschaut. Deshalb sind Wulf Kirsten, Matthias Biskupek, Wolfgang Haak und Ingo Schulze vertreten.

Unter den 50 Beiträgen, die sich mit der breiten Spanne der Ereignisse, von den Defiziten in der DDR über den Mauerfall bis zur Einheit mit ihren Ernüchterungen beschäftigen, sind auch Texte, die ganz aus dem Unmittelbaren heraus berichten?
Das sind Aufzeichnungen in Tagebüchern von Albrecht Schröder, heute Oberbürgermeister in Jena, über die Wende in dieser Stadt, und von Harald Gerlach über die Ereignisse in Rudolstadt, die wiederum mit einer Rede auf dem Rudolstädter Marktplatz korrespondieren. Auch Jürgen K. Hultenreich, der ständig Tagebuch führt, war in den 1980er Jahren ausgereist und erlebte die Wende vom Berliner Wedding aus. Andere, wie Steffen Mensching haben literarisch etwas für sich geschrieben wie „Notate im November“.
Der früheste Text der Auswahl, der auch am Anfang steht, stammt von Pfarrer Walter Schilling aus Saalfeld.
Walter Schilling war ein Mann des gesprochenen Wortes. In seinem Text berichtet er, wie sich die Evangelische Kirche für größere Gruppen, vor allem Jugendliche, die des Systems überdrüssig waren, öffnete. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Texte über politische Reformen wurden von den damals Zwanzig- bis Fünfundzwanzigjährigen nicht geschrieben. Der Punk hat sie geprägt, es entstand eine ganz eigene unverwechselbare Subkultur mit nicht-sanktionierten Bands und Galerien.

Es sind nur Persönlichkeiten vertreten, die in der Vor- und Wendezeit geschrieben haben?
In dieser Beziehung ist die Anthologie eigentlich ungerecht. Es gab viele wichtige Akteure, wie Erich Kranz, Pfarrer in Weimar, andere in Gotha, Eisenach, Jena, die nichts verschriftlicht haben. Oft wurden von Theologen Reden frei gehalten. Einzelne Tonbänder sind inzwischen unbrauchbar.

Gab es bei der Zusammenstellung der Texte ein besonderes Erlebnis?
Das Erstaunliche ist, dass es viele interessante Texte gibt, die heute zum Großteil in Vergessenheit geraten sind, die vor allem vorbereitend auf das Datum 9. November 1989 waren und auch danach die Bemühungen widerspiegeln, was man aus der neuen Freiheit machen kann. Dazu gehört auch das Zeitungsinterview, das der damalige TA-Redakteur Sergej Lochthofen im Januar 1990 mit Willy Brandt, dem Ehrenvorsitzenden der SPD führte. Ausgangspunkt des Gesprächs war die Erinnerung an den historischen Aufenthalt 1970 in Erfurt.

Das Buch richtet sich an „unruhige Geister“, wie Christoph Schmitz-Scholemann schreibt?
Ja, er sagt das sehr schön in seinem Nachwort, das es für alle ist, die auf die Kraft des Geistes vertrauen, auf Wahrheit und Gerechtigkeit, „ohne je sicher zu sein, was genau das bedeutet“.

Christoph Schmitz-Scholemann, Jens Kirsten (Hrsg.): „Vom Geist der Stunde. Vordenker und Wegbereiter. Die Revolution in Deutschlands Mitte 1989“. Weimarische Verlagsgesellschaft, 250 Seiten, 14,90 Euro

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