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»Thüringer Anthologie – eine poetische Reise«

Die­ses Buch ist das Doku­ment eines Glücks­falls. Vom 22. März 2014 bis zum März 2017 erschien in jeder Wochen­end­aus­gabe der Thü­rin­ger All­ge­mei­nen, der größ­ten Zei­tung Thü­rin­gens, auf der Kul­tur­seite ein Gedicht mit einem kur­zen Kom­men­tar. Allein das dürfte in der Land­schaft der deut­schen Regio­nal­zei­tun­gen ein­zig­ar­tig sein. Hinzu kommt, dass alle Gedichte, sei es durch die Autoren, sei es durch das Thema, eine Ver­bin­dung zu Thü­rin­gen haben. Wer weiß, dass Thü­rin­gen von Walt­her von der Vogel­weide über die Wei­ma­rer Klas­si­ker bis zu zeit­ge­nös­si­schen Lyri­kern wie Wulf Kir­sten ein poe­sie­gesät­tig­tes und welt­of­fe­nes Kul­tur­land ist, der ahnt auch, dass die regio­nale Ver­bin­dung nichts mit Eng­stir­nig­keit zu tun hat, son­dern im Gegen­teil Welt-Lite­ra­tur im Goethe’schen Sinne ein­be­greift. Ent­stan­den ist auf diese Weise eine lite­ra­ri­sche Topo­gra­phie, wie es sie in Deutsch­land kein zwei­tes Mal gibt: Denn, und das ist dem For­mat der auf brei­tes Publi­kum zie­len­den Zei­tungs­se­rie zu dan­ken, sowohl die Gedicht­aus­wahl als auch ganz beson­ders die Kom­men­tare tra­gen deut­lich nicht nur die Spu­ren der Orte, die als poe­ti­sche Bil­der erschei­nen, son­dern auch die Spu­ren der Jahre, in denen sie ent­stan­den. Das war auch aus­drück­lich beab­sich­tigt: Wir woll­ten, dass die Spra­che der Poe­sie mit der Welt, in die hin­ein sie gespro­chen wird, in einen Aus­tausch tritt.

Die Antho­lo­gie war ein Wag­nis. Für die Her­aus­ge­ber, die bis dahin noch nie unter der mit der für Tages­zei­tun­gen kenn­zeich­nen­den Knapp­heit an Zeit und Raum für Texte arbei­ten muss­ten. Für die Thü­rin­ger All­ge­meine war es ein Wag­nis, weil sich noch nie vor­her eine Regio­nal­zei­tung auf ein sol­ches Unter­neh­men ein­ge­las­sen hatte. Nie­mand konnte ahnen, dass es – anfangs auf ein Jahr ange­legt – ganze drei Jahre gut gehen würde. Wir haben sehr zu dan­ken: Den Chef­re­dak­teu­ren Paul Josef Raue und Johan­nes Maria Fischer sowie den Redak­teu­ren Lavi­nia Meyer-Ewert, Michael Hel­bing und Frank Qui­litzsch. Ihr Wage­mut hat sich gelohnt!

Gebo­ren wurde die Idee in einem Gespräch zwi­schen dem dama­li­gen Chef­re­dak­teur der Thü­rin­ger All­ge­mei­nen, Paul-Josef Raue, und dem Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat im Jahre 2012. Im Januar 2014 waren dann die Details aus­ver­han­delt: Jeden Sams­tag ein Gedicht mit nicht mehr als 2000 Zei­chen, einem Kom­men­tar von der­sel­ben Länge. Bei­des zusam­men nebst kur­zen bio-biblio­gra­phi­schen Anga­ben und einem Bild der Dich­te­rin bzw. des Dich­ters. Alles zusam­men musste in den ›Kel­ler‹ der Kul­tur­seite pas­sen. Gedicht­aus­wahl und Aus­wahl der Kom­men­ta­to­ren oblag dem Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat.

Die Gedichte aus­zu­wäh­len, blieb über drei Jahre die Auf­gabe, die uns die mei­ste Freude berei­tete. Das Sich­ten des über­aus rei­chen Schat­zes an Gedich­ten mit Thü­rin­ger Ver­bin­dun­gen erleich­ter­ten die bei­den von Wulf Kir­sten her­aus­ge­ge­be­nen Antho­lo­gien Ein­tra­gung ins Grund­buch. Thü­rin­gen im Gedicht (1996) und Umkränzt von grü­nen Hügeln – Thü­rin­gen im Gedicht (2004). Sie bil­de­ten den Grund­stock. Wulf Kir­sten selbst war uns über die Jahre ein kun­di­ger Rat­ge­ber, der nicht nur eine Reihe von Bespre­chun­gen schrieb – auch und gerade, wenn Not am Mann war und ein Text schnell benö­tigt wurde – son­dern auch eine Reihe von Neu­ent­deckun­gen bei­steu­erte. Etwa das Gedicht Die armen Oeb­ster von August Thieme, das Chri­stoph von Wolzo­gen aus dem andschrift­li­chen Nach­lass Thie­mes für unsere Antho­lo­gie tran­skri­bierte, Wal­ter Bährs Nacht­gang in Wei­mar oder Georg Phil­ipp Schmidt von Lübecks Abschied von Jena.

Eben­falls über­aus reiz­voll gestal­tete es sich, Woche für Woche einen Kom­men­tar zum jewei­li­gen Gedicht zu erhal­ten und ihn, was mit­un­ter schmerz­hafte Kom­pro­misse erfor­derte, auf den knapp bemes­se­nen Umfang von 2000 Zei­chen zu begren­zen. Unter den Autoren der Kom­men­tare befin­den sich nicht nur Schrift­stel­ler und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler, son­dern auch zahl­rei­che andere Per­so­nen des öffent­li­chen Lebens: Es ging ja auch darum, Poe­sie im Spie­gel der Wahr­neh­mung nicht genuin lite­ra­ri­scher Prä­gung spre­chen zu las­sen. So konn­ten wir als Kom­men­ta­to­ren z. B. den Theo­lo­gen Fried­rich Schor­lem­mer gewin­nen, den Bun­des­be­auf­trag­ten für die Stasi-Unter­la­gen Roland Jahn, den Erfur­ter Bischof Ulrich Ney­meyr, den Gothaer Ober­bür­ger­mei­ster Knut Kreuch, die ehe­ma­lige Mini­ster­prä­si­den­tin Chri­stine Lie­ber­knecht, den Thü­rin­ger Kul­tus­mi­ni­ster Ben­ja­min-Imma­nuel Hoff, die Chef­re­dak­teure der Thü­rin­ger All­ge­mei­nen Paul-Josef Raue und Johan­nes Maria Fischer, um nur einige der ca. 100 Rezen­sen­ten zu nen­nen, die zum Gelin­gen der Antho­lo­gie bei­tru­gen und bei denen wir uns auch des­halb bedan­ken, weil welt­li­cher Lohn in Gestalt von Hono­ra­ren nur in sehr beschei­de­nem Umfang zu errin­gen war.

Die Beson­der­heit der Thü­rin­ger Antho­lo­gie gegen­über ähn­li­chen Rei­hen ist ihr Bezug zu Thü­rin­gen. Alle Gedichte ste­hen in einem mehr oder weni­ger engen Kon­nex zu Thü­rin­gen und Mit­tel­deutsch­land, wie auch die Kom­men­tare. In ins­ge­samt 158 Bei­trä­gen ist auf diese Weise eine poe­ti­sche Lan­des­kunde sui gene­ris in der Mitte Deutsch­lands ent­stan­den, die sowohl durch die Lyri­ke­rin­nen und Lyri­ker von den Min­ne­sän­gern bis zu ganz jun­gen zeit­ge­nös­si­schen Schrift­stel­lern als auch durch die Autoren der Kom­men­tare ein weit­ge­fä­cher­tes Spek­trum bie­tet. Über eine Reihe von Dich­tern und Rezen­sen­ten, die nicht in Thü­rin­gen leben, aber sehr wohl einen Bezug zur mit­tel­deut­schen Kul­tur­land­schaft haben, weist die Antho­lo­gie über Thü­rin­gen hin­aus, wie die Gedichte von Arn­frid Astel, dem korea­ni­schen Dich­ter KIM Kwang-Kyu, von dem israe­li­schen Dich­ter Tuvia Rüb­ner, von Jür­gen Becker, Gott­fried Benn, Vol­ker Braun, Hein­rich Dete­ring, Michael Krü­ger, Hans Leip, Horst Sam­son, Gun­tram Ves­per oder Jan Wag­ner zei­gen. Für alle Leser wird es hof­fent­lich eine span­nende Ent­deckungs­reise, auf der ihnen hin und wie­der alte Bekannte begeg­nen, aber auch zahl­rei­che neue Namen und Sicht­wei­sen. Nicht zuletzt gilt unser Dank Karina Ber­ta­gnolli und Lothar Wekel vom Ver­lags­haus Römer­weg, die den Druck die­ser Aus­wahl ermög­licht haben.

Für wen ist nun die­ses Buch? Für alle, die Thü­rin­gen als gei­sti­gen Ort lie­ben, als exem­pla­ri­schen Ort für die Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Land­schaft, Poe­sie und Nach­den­ken über die Welt. Ganz beson­ders aber möch­ten wir unser Buch Leh­re­rin­nen und Leh­rern emp­feh­len, ob sie nun Poli­tik oder Geo­gra­phie unter­rich­ten oder das, was man frü­her Hei­mat­kunde nannte, oder Deutsch­leh­re­rin­nen und Deutsch­leh­rern. Sie kön­nen mit ihren Schü­le­rin­nen und Schü­lern anhand der Lek­türe aus­lo­ten, wel­chen Stel­len­wert gebun­dene Spra­che heute hat. Neben Min­ne­lie­dern und Gedich­ten von Goe­the fin­det sich man­cher­lei Scherz­ge­dicht, wie der dada­istisch anmu­tende Gesang der Nach­ti­gall von Johann Mat­thäus Bech­stein, der damit heu­ti­gen­tags jeden Poe­try-Slam links und rechts der Saale gewon­nen hätte. Gedich­tet wurde indes nicht nur ono­mato­poe­tisch, son­dern auch homöo­pa­thisch dosiert – über die Brat­wurst. Dane­ben fin­den sich zahl­rei­che poli­ti­sche Gedichte, Land­schafts­ge­dichte, phi­lo­so­phi­sche Gedichte, Lie­bes­ge­dichte, ero­ti­sche und fri­vole Gedichte, Weih­nachts­ge­dichte und ein Oster­ge­dicht, ein wun­der­ba­res Trin­ker-Gedicht über die Göt­tin des Bie­res Cere­vi­sia, eines über den aus Apolda stam­men­den Dober­mann und viele andere. Sie alle bie­ten Raum für die eigene Phan­ta­sie und Krea­ti­vi­tät. Nicht zuletzt möch­ten wir das vor­lie­gende Buch der Thü­rin­ger Lan­des­re­gie­rung als Gast­ge­schenk für Besu­cher des Frei­staats Thü­rin­gen emp­feh­len, denen damit ein Rei­se­füh­rer durch die wech­sel­volle Geschichte Thü­rin­gens an die Hand gege­ben wird.

Jens Kir­sten

Chri­stoph Schmitz-Schole­mann

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