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Die Edition Azur im Glaux Verlag - Ein Gespräch mit dem Herausgeber Helge Pfannenschmidt

(Konzepte - Zeitschrift für Literatur, 27 / 2007)

Seit 2005 gibt der freie Lektor und Texter Helge Pfannenschmidt aus Dresden die "Edition Azur" im Jenaer Glaux Verlag heraus. Die Reihe will nach eigenem Selbstverständnis ein Podium für Autoren sein, "die vor der Unübersichtlichkeit der Zustände nicht die poetischen Waffen strecken, sondern eine neue, adäquate Sprache für sie erfinden". Mit Jan Volker Röhnert, Nancy Hünger oder Stephan Turowski setzt die "Blaue Reihe" wichtige lyrische Akzente. Mit dem Herausgeber der Reihe sprach Dr. Jens Kirsten, Geschäftsführer des Thüringer Literaturrates in Weimar.

Wie ist die Edition Azur entstanden?

Zunächst lag mir ein Manuskript des Lyikers Jan Volker Röhnert vor, für das er keinen Verlag fand. Das fand ich so überzeugend, daß ich unbedingt einen Band mit ihm machen wollte. Zunächst war für mich die Frage: Bekomme ich das überhaupt hin? Bevor das Buch wirklich vorlag, erhielt ich über Jan Röhnert und andere Bekannte weitere Manuskripte. Ich lernte ich den Grafiker Andreas Berner kennen, den ich bat, einen Buchumschlag zu entwickeln. Er kam dann mit einem Reihenentwurf. Wer ihn kennt, weiß, daß seinen Entwürfen lange Denkphasen vorausgehen, daß er nichts konzipiert, nichts erarbeitet, ohne sich mit der Dimension eines Projekts gründlich auseinanderzusetzen. Als das Buch dann 2005 zur Leipziger Messe erschien, war mir bereits klar, daß mir die verlegerische Arbeit Spaß macht, und mit Nancy Hünger hatte ich bereits die Nr. 2. Ich sah, daß es den Bedarf für ein Debüt von ihr gab. Mit Elazar Benyoëtz habe ich nun einen Autor, der nicht in die Rubrik "Junge Literatur" einzuordnen ist, aber es war auch nie mein Anspruch, ausschließlich junge Autoren zu verlegen. Aber in der Edition Azur ist es schon so, daß es fast familiär zugeht. Die Autoren sind untereinander gut befreundet und ich mit den Autoren.

Gab es auch unverlangt eingesandte Manuskripte?

Ja, die gab es auch. Es ist doch so, daß auf dem Weg der unverlangt eingesandten Manuskripte in kaum einem Verlag Bücher gemacht werden.

Wie wird man Autor? Auf welchem Weg kann man ein Buch veröffentlichen?

Die Grundvoraussetzung, würde ich sagen, ist, daß das Interesse über den eigenen Text hinausgeht. Das hat etwas damit zu tun, daß man sich der Konkurrenz stellen muß. Man muß mit seinen Texten nach außen gehen und sie vor anderen Schreibenden auf den Prüfstand stellen. Das fehlt in vieler Hinsicht bei Leuten, die ihre Manuskripte einfach an Verlage senden. Man sollte nicht den zweiten Schritt vor dem ersten tun. Es ist doch beachtlich, wie viele Menschen über eine Schreibwerkstatt z.B. in Ranis, über das Literaturforum Hessen-Thüringen oder ähnliche Veranstaltungen in den letzten Jahren früher oder später zu einer Veröffentlichung oder zu Lesungen gekommen sind. Das zeigt, daß dieses System das vielleicht aussichtsreichste ist. Dazu gehört aber auch, daß man zu anderen Lesungen geht, am literarischen Leben teilhat, sich generell dafür interessiert. Den Autor, der in seiner dunklen Stube sitzt, und allein an seinem Manuskript feilt, den sollte man sich nicht unbedingt zum Vorbild nehmen. Man sollte mutig hinausgehen und einfach mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehen, Kontakte knüpfen.

Das spricht ja auch dafür, daß die erfolgreichen Texte in erster Linie etwas mit erlebter Wirklichkeit zu tun haben.

Ich denke, wenn man das erste Mal liest, dann ist es wichtig, darauf zu achten, wie die Leute darauf reagieren. Wenn man nicht wenigstens das probiert hat, dann sollte man nichts hinausschicken. Dafür sollte man die eigenen Grenzen, die Schwächen des Textes getestet haben, und darum wissen, wo man noch besser werden kann. Es ist sicher auch eine Gratwanderung. Man darf sich nicht zum Diener des Publikums machen. Wichtig ist, daß man zu seinen Texten steht, daß man eine gewisse Beharrlichkeit zeigt, aber gleichzeitig muß man die Signale aus dem Publikum aufgreifen. Es kann natürlich auch passieren, daß man in der falschen Veranstaltung sitzt und keiner klatscht. Aber das findet man spätestens bei der zweiten Veranstaltung heraus.

Wie beurteilen Sie die Veränderung der Verlagslandschaft in den letzten 15 Jahren durch die elektronischen Massenmedien?

Es gibt ja durchaus gute Autoren, die einfach nirgends unterkommen. Ich kann es verstehen, daß Leute ihr Buch veröffentlicht sehen wollen. Es ist sicher auch so, daß sich eine gewisse Trotzhaltung gegenüber dem etablierten Literaturbetrieb herausgebildet hat, die nicht unberechtigt ist. Diese Autoren hätten in einem großen Verlag keine Chance und die kleinen Verlage haben ihr Programm schon besetzt. Die Entstehung der Selbst- und Bezahlverlage verwundert nicht. Aber als Autor sollte man sich fragen: Wieviel bin ich mir selber wert? In dem Moment, wo der Verleger überhaupt kein Risiko mehr trägt für die Bücher, die er macht, bringt er sich um die Autorität, etwas über die Qualität des Textes zu sagen. Er ist schlicht Dienstleister, der auf Bestellung - zu einer entsprechenden Qualität - liefert. Im Englischen heißen diese Verlage "vanity publishers", Eitelkeitsverlage. Das gedruckte Wort hat immer noch einen hohen Prestigewerte. Es gehört zur Achtung gegenüber dem Autor und dem geschriebenen Wort, daß der Verleger das Risiko trägt.

Der ehrliche Weg ist also der, daß man ein Buch in einem anspruchvollen Verlag unterbringt, jedoch als Debütant keinen Gewinn erwarten darf?

Man kann schon etwas verdienen. Der Autor ist am Verkauf beteiligt. Er kann aber vor allem durch Lesungen etwas verdienen. Mit Preisen und Stipendien. Und er kann sich damit die Eintrittskarte zu einem größeren Verlag verschaffen. Wenn er zeigt, daß er Durchhaltevermögen hat, sich nicht mit dem erstbesten zufriedengibt. Wenn er Ernsthaftigkeit in seinem Schreiben erkennen läßt, indem er sich seinen Ruf langsam aufbaut.
Auf der Buchmesse weiß man eigentlich schon, von welchen Verlagen man interessante Bücher erwarten darf. Bei vielen der Bezahlverlage werden Bücher lieblos gestaltet, wenn überhaupt ein Gestalter am Werk war. Die Produktion unterliegt oft mäßigen Standards, die geringem finanziellem Aufwand geschuldet sind. Wenn ich an viele von den Kleinverlagen denke, die für mich Vorbilder sind, dann sind sie mir durch schön gemachte Bücher aufgefallen.

Wenn man viel in die Gestaltung, ins Layout steckt, ins Lektorat und die Wahl der Autoren, dann muß man selbst sehr viel investieren. Das wird man schwerlich für eine Sache tun, von der man nicht überzeugt ist.

Der Respekt vor dem Werk und dem Autor setzt sich aus diesen Elementen zusammen. Respekt hat damit zu tun, daß der Autor nicht selbst bezahlen muß, wie schon gesagt. Respekt hat auch damit zu tun, daß man einem guten Text ein gutes Äußeres zubilligt, weil man weiß, wie schwer es heutzutage ist, Leser zu finden. Die Fülle des Angebots in den großen Buchhandlungen läßt den Käufer oft ratlos. Dennoch gibt es schöne Zufälle und Bücher kommen zu einem. Nicht zuletzt durch die kleinen Buchhandlungen, die gut sortiert sein können und Buchändler, die gut beraten können.

Hat sich die Wahrnehmung der Schreibenden durch die elektronischen Massenmedien verändert?

Sicher gibt es verschiedene Aspekte, die da eine Rolle spielen. Etwa Internetblogs. Aber grundsätzlich sage ich: nein. Zwei meiner Autoren schreiben noch zunächst mit der Hand. Dann tippen sie es in den Laptop. Man kann modernisieren, soviel man will: am Bildschirm lassen sich Texte nicht so gut lesen. Ein Text gehört immer noch auf ein Stück Papier. Für viele ist das Schreiben auch ein Rückzug und sie brauchen dafür Konzentration. Manchen bringt vielleicht das Surren des Computers schon aus der Fassung. Den Schreibblock hat man dabei, wenn man unterwegs ist. Man möchte vielleicht als Erinnerung an intensive Schreibzeiten das originale Manuskript haben, das Arbeitsspuren enthält, dem man Stufen ansieht. So läßt sich der Schreibprozeß dokumentieren. Das Schreiben in den Computer erfolgt danach, wenn der Text steht. Das eigentliche Schreiben hat für viele noch ein anderes Geheimnis, einen anderen Reiz, wenn es auf herkömmliche Weise mit der Schreibmaschine oder mit der Hand geschieht. Das Internet hat nicht die Art und Weise geändert, wie Texte funktionieren und - was meine Autoren angeht - keine Auswirkungen auf Schreibtechniken.

Wie hat der Glaux Verlag auf die Idee reagiert, die Edion Azur zu etablieren?

Ich bin schnell auf Interesse gestoßen, weil wir zwei Jahre sehr eng und sehr gut zusammengearbeitet hatten. Als Herausgeber trage ich nicht nur die inhaltliche Verantwortung, sondern auch die finanzielle. Das heißt, ich investiere zunächst mein privates Geld. Perspektivisch soll ein Buch das nächste tragen. Das funktioniert wie bei jedem anderen Unternehmen. Der Verlag greift mir unter die Arme, indem ich mit auf dem Messestand vertreten bin, dadurch, daß die Bücher ISB-Nummern erhalten, daß größere Auflagen in eine Auslieferung aufgenommen werden. Der Verlag ist ein schützendes Dach, unter dem ich völlige Freiheit habe.

Wie funktioniert die Vermarktung der Bücher?

Sie funktioniert über Rezensionen, persönliche Kontakte zu Buchhandlungen. Ich baue auf das Selbstmarketing der Autoren. Sie sollten jede Möglichkeit nutzen, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren. Sie sollten viel lesen, um das Publikum zu erreichen. Die Anzahl der Akteure und der Leser ist überschaubar. Aber ich merke, wie das Interesse der Medien und die Verkaufszahlen steigen. Wichtig bei all dem ist, daß man von den Autoren überzeugt ist und an ihr Potential glaubt. Wenn der Verleger Michael Krüger auf Jan Volker Röhnert aufmerksam wird, ehrt mich das mit, wenngleich es nicht mein Verdienst ist.

In gewisser Hinsicht doch auch, denn er hat sich sicher nicht nur "Burgruinenblues" aus dem Wartburg Verlag angesehen, sondern auch "Die Hingabe, endloser Kokon" der Editon Azur. Ein Folgeband verrät ja mitunter mehr über den Autor, über seine Durchsetzungskraft, als manch gelungenes Debüt.

Das spricht für die Kontinuität des Autors. Für das dauerhafte Arbeiten an der eigenen Sprache. Dem Verlag kommt dabei das Verdienst zu, daß er den Autor im Gespräch hält. Der Traum jedes Autors ist und sollte es sein, irgendwann vom Schreiben leben zu können. Auf diesem Weg bin ich sicher eine Etappe bei vielen, für die das ein Start ist, mit einem guten Band zu debütieren und von dort aus weiterzugehen.

Was ist das für ein Gefühl, nun doch schon auf eine ganze Reihe von Bänden zurückzublicken?

Ich bin sehr glücklich über die Bücher und bin auch sehr froh über die Reaktionen und die Verkaufszahlen. Ich merke natürlich auch, daß ich organisatorisch noch zulegen muß. Von den ersten Bänden ist ein Drittel der Auflage verkauft. Das deckt sich ungefähr mit meinen Erwartungen. Ich sehe das als langfristige Unternehmung. Die Edition Azur ist als reine Lyrikreihe auf zehn Bände konzipiert. Daneben gibt es andere Bände wie den von Elazar Benyoëtz oder von Julia Schoch. Ich werde bestimmt keinen Roman verlegen. Der Band von Julia Schoch enthält Prosa-Miniaturen. Was man die kleine Form nennt, was oft abschätzig "kleine Form" genannt wird, bevorzuge ich. Das Faszinierende bei einem Text ist, wenn man das Gefühl hat, hier läßt sich kein Komma mehr rücken, hier ist alles genau am Platz. Bei Lyrik und kurzer Prosa gibt es weniger Redundanz. Es gibt für mich die interessanteren Sachen eher auf solchen Randgebieten zu entdecken, als in einem clever gestrickten Roman. Es muß nicht nur das Gedicht sein, es können Kurzgeschichten sein oder Aphorismen als ein weiterer Schwerpunkt. Ich lasse mich überraschen, was da kommt.

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