Aktuelles

Medieninformation des Thüringer Literaturrates e.V. vom 10. September 2014

„Und wünschten herbei einen großen Weltkrieg ...“

Jubel und Schrecken – Stimmen deutscher Schriftsteller und Maler zum Ersten Weltkrieg
Gelesen und kommentiert von Landolf Scherzer und Jens-Fietje Dwars

Am Montag, dem 15. September 2014, 19:30 Uhr, erinnern die Schriftsteller Landolf Scherzer (Dietzhausen) und Jens-Fietje Dwars (Jena) in der Stadt- und Kreisbibliothek „Anna Seghers“ Meiningen, Ernestinerstraße 38, mit einer Text-Collage an die widersprüchliche Haltung deutscher Künstler zum Ersten Weltkrieg. Sie fragen nach den heute schwer begreifbaren Gründen für die Euphorie am Anfang des Völkermordens und sie berichten von der Ernüchterung danach, vom Grauen des realen Krieges, das wir aus Briefen, Tagebüchern und Romanen erfahren.

Während Jens-Fietje Dwars von der Wandlung der Expressionisten erzählen wird, widmet sich Landolf Scherzer speziell dem Weltkriegstagebuch „Schreib das auf Kisch“ von Egon Erwin Kisch, der ihn früh geprägt hat. Außerdem berichtet der gebürtige Dresdner, wie er die Zerstörung der Elbestadt als Kind erlebt hat, während Dwars eine Erzählung über kriegspielende Männer der DDR-Grenztruppen mitten im Frieden liest. Was vermag Literatur, was Kunst, gegen Krieg und Gewalt? Über diese Frage möchten die beiden Autoren mit dem Publikum ins Gespräch kommen.

Eine Veranstaltung des Thüringer Literaturrates im Rahmen seines Projektes „Ach Europa – Feindbilder und ihre Überwindung im Spiegel der europäischen Literatur“ mit freundlicher Unterstützung der Kulturstiftung des Freistaats Thüringen und des Landesbüros Thüringen der Friedrich Ebert-Stiftung.

Weitere Iinformationen:

„Ich verspreche ein tragisches Zeitalter“, so lasen die Expressionisten bei Nietzsche. Wie Tausende andere zogen auch sie in der Mehrzahl mit wehenden Fahnen und Nietzsches „Zarathustra“ im Gepäck in den Krieg. Mehr noch: Sie hatten ihn längst in ihrer Kunst vorweggenommen. Dichter, wie Georg Heym, schrieben 1910, der Friede, der fast 40 Jahre währte, sei „so faul, ölig und schmierig wie eine Leimpolitur auf alten Möbeln.“ Thomas Mann feierte geradezu den „Zusammenbruch einer Friedenswelt“, die er „überaus satt“ hatte und der junge Johannes R. Becher rief: „Was sollen wir noch? Die Welt wird zu enge. / Der Polizei gelingen unglaubliche Fänge. (...) / Verflucht sei der Straßen einförmige Strenge, / Die strecken sich grinsend in endlose Länge. (...) / Wir horchen auf wilder Trompetdonner Stöße / Und wünschten herbei einen großen Weltkrieg.“
Vor allem die Maler nahmen den Krieg vorweg: die überkommene Welt zerfiel auf ihren Bildern in ein Chaos zersplitternder Formen. Als Franz Marc eines seiner expressiven Tiergemälde im Schützengraben auf einer Postkarte wiedersah, erschrak er vor sich selbst: „Es ist wie eine Vorahnung dieses Krieges, schauerlich und ergreifend; ich kann mir kaum vorstellen, daß ich das gemalt habe!“


Landolf Scherzer, geb. 1941 in Dresden, als Journalistikstudent in Leipzig wegen kritischer Reportagen exmatrikuliert, bis 1975 Redakteur beim „Freien Wort“ in Suhl, seitdem freischaffend, hat in 23 Büchern die Welt von unten erkundet, aus der Perspektive der zu Unrecht klein genannten Leute, jüngst: „Stürzt die Götter vom Olymp: Das andere Griechenland“, lebt in Dietzhausen bei Suhl.

Jens-Fietje Dwars, geb. 1960 in Weißenfels, Philosophiestudium in Wroclaw, Berlin und Jena, freischaffender Schriftsteller, Buchgestalter, Film- und Ausstellungsmacher, schreibt Biografien, Essays und Erzählungen, Redakteur der Thüringer Literaturzeitschrift „Palmbaum“, jüngste Ausstellung: „Ich verspreche ein tragisches Zeitalter. Nietzsche / Expressionismus / Weltkrieg“ im Nietzschehaus Naumburg.

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