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Grußwort zur Eröffnung der Ausstellung ›Liebe zum Buch – Lesen ist Zukunft‹ in der Menantes-Gedenkstätte Wandersleben am 17. Mai 2014

"Nach dem Essen schlugen wir unter dem Porzellanschirm der Öllampe einen großen Atlas auf und unternahmen dann unter fröhlichem Gelächter Traumreisen in ferne Länder." - Gustaw Herling, Welt ohne Erbarmen

Heute bedarf es beileibe nicht mehr der Phantasie, um Traumreisen in ferne Länder zu unternehmen, aber was bleibt? Fliegt man etwa nach Rio de Janeiro, wird den durch die Medien allseits unterrichteten Reisenden der Anblick des Zuckerhutes oder des Corcovado mit der Christusfigur kaum überraschen. Trainieren uns die Medien die Phantasie ab?

Immer stärker beklagen heute Firmen die mangelnde Ausbildungsreife von Jugendlichen. Die Zahlen der Notendurchschnitte von Schulabgängern zeigen überdeutlich, daß die Mädchen die Jungen inzwischen weit hinter sich zurückgelassen haben.

Viele Jungen verlieren im Alter von 12-14 Jahren das Interesse am Lesen zugunsten anderer Beschäftigungen.

Ohne starre Behauptungen aufstellen zu wollen, bin ich doch davon überzeugt, daß das Lesen die Phantasie weit mehr anregt und trainiert, als jeder Film, jedes Computerspiel oder jede der über eine Million Handy-Apps, von denen die meisten Spiele-Apps sind.

Lesen kann nur dem Spaß machen, dem es leicht fällt. Dafür muß er es zunächst lernen. Es ist untrennbar mit dem Schreibenlernen verbunden. Beide Fertigkeiten müssen trainiert werden. Im vergangenen Jahr hat Friedrich Denk, der über 30 Jahre als Deutschlehrer gearbeitet hat, ein Buch mit dem Titel „Wer liest, kommt weiter“ geschrieben. Ich möchte Ihnen ein Beispiel daraus geben, das ich nicht gescannt und per Copy & Paste in meinen Text eingefügt habe, sondern mit eigenen Worten wiedergebe.

Stellen wir uns kurz die Aufgabe vor, ein Kurzreferat, egal ob für die Schule, die Uni oder sonst, zu erarbeiten. Früher, also vor 1996, vor dem Internet, las man dafür einen oder mehrere Aufsätze in der Bibliothek und schrieb sich die wichtigsten Passagen ab, die eine Kopie vielleicht nicht lohnten. Zuhause las man die Texte weitere zwei Mal: im abgeschriebenen Notat und beim Niederschreiben desselben. Dann vielleicht noch einmal bei der Kontrolle der Reinschrift. Mithin las man den Text vier- oder fünfmal. Durch die Benutzung eines Kopierers reduziert sich der Vorgang um das Lesen beim Abschreiben. Wenn man jedoch heute einen Text via Google sucht, liest man ihn vielleicht kurz an und drückt dann auf Steuerung+C oder Apfel+C. Eine weitere Tastenkombination bringt ihn direkt in den Vortragstext. Das mögen nicht alle so machen, aber viele machen es genau so. Gelesen wird er unter Umständen zum ersten Mal beim Vortrag vor der Klasse oder der Seminargruppe. Ich möchte hier nicht von Bequemlichkeit, ehrer von Geschwindigkeitsdruck sprechen. [Soweit das Beispiel.]

Egal was und wo man liest, das Lesen, auch das wiederholte Lesen eines Textes, egal ob auf einer Waschmittelverpackung, der Bildzeitung, in einem Roman oder in der Bibel fordert dem Leser einen Denkvorgang ab. Wer liest, übt dabei nicht nur das Denken, sondern schult auch das Sprechen, da er seinen Wortschatz beständig erweitert und in Zusammenhänge zu setzen übt.

Zu den Effekten des Lesens, Denkens, Sprechenübens gehört auch, daß man richtig schreiben lernt, indem man dem wiederholt gelesenen Vorbild folgt. Die Geschwindigkeit, mit der wir lesen können, hängt davon ab, wie komplex das Geschriebene ist und wie schnell wir ihm folgen können. Lesen ist eine Konzentrationsübung. Wer sich konzentrieren kann, kann zum Beispiel auch zuhören. Im Gegensatz zu Bildern, genauer gesagt, bewegten Bildern, muß sich der Leser das, was er liest, im Gegensatz zum Gesehenen, erst vorstellen. Er braucht seine Phantasie und sein Wissen.

Ich wünsche der Ausstellung zahlreiche Besucherinnen und Besucher, die hier herausfinden mögen, daß Bücher, der Buchdruck und das Lesen keine verstaubten Angelegenheiten sind und daß es den Ausstellungsmachern und der Literaturgedenkstätte nicht darum geht, der guten alten Zeit nachzutrauern und die neuen Medien zu verteufeln, sondern daß sie ihren erworbenen Reichtum an Wissen, den sie nebenbei bemerkt dem Umstand verdanken, daß sie Lesen und Schreiben können, an neue Generationen weitergeben möchten. Dafür wünsche ich uns allen Erfolg.

Jens Kirsten

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