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Aufstieg und Fall des Greifen: Ausstellung in Rudolstadt zu Verlag

Ostthüringer Zeitung, 22. Mai 2012

Von Ulrike Kern

Bis 8. Juli läuft in Rudolstadt im Alten Rathaus eine Ausstellung zum Greifenverlag. Sieben Jahrzehnte Kulturgeschichte in 13 thematischen Kapiteln
Rudolstadt. In den vergangenen Jahren glänzte der Greifenverlag in Rudolstadt nicht durch Beständigkeit. Nachrichten von Neuanfängen und Privatisierungsversuchen wechselten sich mit jenen zu Insolvenzanträgen ab. So recht fasste der Greifenverlag nach der Wende nie wieder Fuß auf dem Markt. Zum vorläufig letzten Mal beschloss am 20. Juli 2011 das Amtsgericht Gera, den Geschäftsbetrieb des Greifenverlag zu Rudolstadt und Berlin eG einzustellen.

Dass der Greifenverlag allerdings auf eine bemerkenswerte Geschichte blicken kann, dass er in vielerlei Hinsicht Vorreiter und einst wichtigster belletristischer Verlag in Thüringen war, und dass er obendrein untrennbar mit der Geschichte der Heidecksburg-Stadt verbunden ist, ist Grund genug, um ihn im Alten Rathaus eine neue Ausstellung zu widmen und ihn somit wieder in Erinnerung zu rufen.

"Der Greifenverlag. Sieben Jahrzehnte Kulturgeschichte in Rudolstadt" ist die Exposition überschrieben, kuratiert von Dr. Jens Kirsten aus Weimar und Jens Henkel aus Mörla. In 13 Kapitels wird die wechselvolle und schicksalhafte Geschichte des Verlags anhand von Texten und Büchern aus dem Verlagsprogramm nacherzählt.

Das Schriftgut des Verlags nach 1945 befindet sich übrigens im Thüringischen Staatsarchiv Rudolstadt und in der Bibliothek des Deutschen Literaturarchivs Marbach. "Schwieriger ist es dagegen mit Büchern aus der Zeit vor 1945, die vorwiegend im Privatbesitz zu finden sind", weiß Jens Henkel. Einen kleinen Einblick in das Verlagsprogramm, das später Werke von Puschkin, Rilke, Stifter, Tucholsky, Zola, Voltaire, Balzac, Boccaccio, Loest und Scherzer umfassen wird, vermag die aktuelle Ausstellung zu vermitteln. Bis 8. Juli ist sie zu sehen.

Der Greifenverlag ist ein Kind der Wandervogel-Bewegung, jener Reformbewegung, die ab 1900 in der Phase der fortschreitenden Industrialisierung in den Städten anstrebt, sich aus dem gesellschaftlichen Umfeld zu lösen, um in freier Natur eine eigene Lebensart zu entwickeln. Der Wandervogel setzte auch für die Reformpädagogik, die Freikörperkultur und die Lebensreformbewegung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts Impulse.

Angehörige der Wandervogelbewegung gründeten 1919 im erzgebirgischen Hartenstein den "Greifenverlag", das Wappentier der Bewegung gibt dem Verlag seinen Namen. Als einer von zwei Geschäftsführern wird 1920 Karl Dietz eingesetzt, der den Verlag fortan prägen wird. Ab 1921 ist der Greifenverlag in Rudolstadt, in der Schillerstraße 41, zu Hause, und zunächst ist das Programm von der Ideologie der Wandervogel-Bewegung geprägt. Es erscheinen beispielsweise die "Greifenkalender", Zeitschriften, Fahrtenbücher. Sexualaufklärerische Titel, vor allem von dem Berliner Arzt Max Hodann, sorgen für Furore und einen Umsatzgewinn, bringen Dietz aber einen Prozess wegen Unsittlichkeit ein. Ab 1928 erscheinen auch politische Werke, Magdaleine Marx "Reise ins rote Rußland" und Karl Grünbergs "Brennende Ruhr" oder die Gedichtsammlung "Ein Mensch unserer Zeit von Becher.

Fortan geht es beständig bergauf und bergab mit dem Greifenverlag, Dietz biedert sich den Nationalsozialisten mit einer Postkarten-Serie förmlich an, ist aber nicht recht erfolgreich. Die Produktion kommt zum erliegen, doch der Verlag besteht weiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg darf der Rudolstädter Privatverlag als einer der ersten mit sowjetischer Lizenz wieder arbeiten und Dietz produziert bereits im Juni 1945 mit der "Tour of Rudolstadt in Germany. A little Guide-Book" von Herbert Kühnert eines der ersten Titel in Deutschland nach dem Krieg. Der schwarze Greif wird nun zum roten Wappentier.

Auch zu DDR-Zeiten hat es Dietz nicht leicht. Sein Anspruch ist hoch er konzentriert sich auf belletristische Literatur von der Weimarer Republik bis zur Gegenwart, verlegt Autoren wie Feuchtwanger, A. Zweig, Zech ebenso wie Exilautoren aus China, Frankreich und Osteuropa. Nach seinem Tod 1964 streiten sich die Erben und wird der Greifenverlag letztlich zum VEB. Einige Akzente vermag der Verlag noch mit Büchern von Landolf Scherzer und beispielsweise Armin Müllers Roman "Der Puppenspieler und ich" (1986) zu setzten. Doch das Ende zeichnet sich mit der Wende bereits ab und somit endet auch die Ausstellung.

Geöffnet: Di: 9-16 Uhr, Do: 9-18 Uhr, Fr: 9-12 Uhr, zum TFF ganztägig.

Artikel in der OTZ

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