Kai Mertig

Kai Mertig, geboren 1987 in Karl-Marx-Stradt, lebt in Leipzig. Mitbegründer und Redakteur der von 2009-2011 in Erfurt erscheinenden Literaturzeitschrift »wortwuchs«; Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie in Erfurt; Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig; Preise: u.a. Treffen Junger Autoren 2005 und 2009, Junges Literaturforum Hessen-Thüringen 2010, hr2-Arbeitsstipendium, Arbeitsstipendium des Freistaats Thüringen 2011.

Autokino

Die Geschichte, um die es geht, fängt mit einem Jungen an, der das Reisen lernt.

Eins/ Einstieg
Etwas ist liegen geblieben. Der erste Schnee bedeckt Wiesen und Straßen. Der Junge hat seinen Schlitten nach draußen geholt. Er sieht an sich herab und entdeckt mit Erstaunen, wie dick er sich in der gefütterten Jacke vorkommt. Auf den Ärmeln landen weiße Kügelchen. Wenn es still ist, knistern sie auf dem Stoff.
Wenig später steht der Schlitten allein vor der Tür. Der Junge steigt, schneller als ihm lieb ist, in einen blauen, aufbrummenden Wagen. Der Wagen überquert mehrere Landstraßen. Vorn spricht eine weibliche Stimme.
Der Junge kann die Straßen nicht sehen, auch die Bäume und Felder sieht er nicht. Er kann den Kopf nicht weit genug nach oben recken. Der Junge kann durch eine Scheibe den Himmel sehen, der unbeweglich zu sein scheint. Der Himmel wirkt leer, obwohl er dieselbe Farbe hat wie der Wagen. Stechend blau. An die Scheibe fallen Kügelchen, die während der Fahrt nicht zu hören sind.

Zwei
Ein Wohnzimmer im Winter. Kaum mehr als mit dem notwendigsten eingerichtet. Etwas abgedunkelt. Die Frau, die den Jungen hierher gebracht hat, trägt krauses schwarzes Haar, sehr dicht und offen und etwa schulterlang.
Die Frau hat feine Klavierhände, die immer kalt sind, an der einen von beiden hält sie den Jungen fest. Sie hält ihn damit so fest, wie sie das sonst nur mit ihren Büchern macht, sie kennt beinahe jedes Buch, sie liest viel, sie ist eine kluge Frau. Wieder und wieder wird sie das Märchen von einem Mädchen erzählen, das einen Jungen sucht, der im Norden verschwunden ging; vom Lesen hat sie Antworten in der Tasche.
Wir bleiben nur kurz, sagt die Frau mit den Klavierhänden. Sie führt Selbstgespräche vor dem Zauberer auf. Er ist der Mann am Tisch mit grauem Haupthaar. Er sitzt im Raum, schaut fern und sagt kein Wort. Er raucht nur. Er wird es auch später tun, wenn ihm der Spiegel zerbricht, er wird qualmen und qualmen und seine Schläfen werden blank liegen. Der Mann wird auffällig rot im Gesicht, nicht nur um Schläfen und Stirn. Die Punkte auf seiner Nase werden dieselbe Farbe haben und auch der Bart, hinter dem seine Zaubertränke magisch verschwinden. Rot, fast orange.
Die Augen des Jungen, der jetzt das Reisen lernt, durchforsten einen Bierflaschenwald auf dem Wohnzimmertisch. Die Augen des Jungen tränen im Dunst. Als er über sie streicht, sind sie kühl, ein bisschen wie Gras im Tau. In der Luft liegt eine stechende Mischung aus Menthol und Tabak. Der Junge kennt dieses Haus nicht, er hat es noch niemals zuvor gesehen, erst recht nicht betreten. Er lehnt sich an die Heizung, aber sie ist kalt wie die Hände der Frau. Die Frau mit den Klavierhänden ist eine Schneefrau.
Unter der Jacke wird dem Jungen mit einem Mal sehr warm. Er versucht sie ein wenig zu öffnen. Die Frau hilft ihm nicht. Sie ist damit beschäftigt, dem Zauberer Worte entgegenzusagen, die jedoch nicht durch den Rauch dringen können. Auf dem Tisch, direkt vor dem Bierflaschenwald, sieht der Junge ein Foto. Die Frau sieht wie ein anderer Mensch darauf aus. Sie lacht und hat die Arme nach oben gerissen. Ihr schwarzes Haar ist zu einem Zopf gebunden. Die Frau auf dem Foto kommt dem Jungen wie eine Zauberin vor, eine Komplizin an der Seite des Mannes.
Die Frau mit den Klavierhänden lacht. Sie springt von einem übergroßen Reptil aus Stahlgeflecht und Beton. Es ist um ein vielfaches größer als sie selbst und reißt hungrig das Maul auf. Zwischen den Bäumen im Wald wirkt das Ungeheuer sehr fremd. Neben den Beinen des Tieres hat sich braunes Laub angehäuft.
Dort, auf den letzten Blättern aus dem Sommer, wird die Frau mit ihren Füßen aufkommen, denkt der Junge. Ihre Haare werden durch die Luft wirbeln. Der Junge sieht, wie sich das Foto als Film einige Sekunden vorwärts bewegt. Der Junge erinnert sich. Er befindet sich mitten in diesem Film, auf dem Laub in der Nähe der Frau. Er ist Teil davon, unverhofft. Die Frau landet vor den Krallen des Sauriers. Im Hintergrund rauschen die Bäume. Die Äste biegen sich, als wollen sie nach ihr greifen. Der Wind hebt die Kapuze des Jungen an.
Kurz nachdem die Frau den Boden erreicht, wird der Junge gezwungen, den Wald zu verlassen. Die Angst ist da. Er weiß nicht, warum. Er wird aus dem Wald getrieben und steht am gleichen Platz wie zuvor, im Wohnzimmer des Zauberers. Als greife ihn nun der Saurier in dem fremden Haus hinter der kalten Heizung an.
Die Hand, die den Jungen noch immer hält, drückt plötzlich sehr fest. Die Augen des Jungen verfehlen das Foto. Schlagartig reißt die Frau den Jungen vom Saurier weg. Das Bild segelt zu Boden und landet auf der weißen Rückseite. Auf der Holzplatte klirrt es. Der Flaschenwald stürzt in sich zusammen.
Kurz ist es laut. Der Junge wird müde. Seine Augen tränen nicht mehr. Die Frau zieht ihn etwas unsanft durch die halb geöffnete Tür, hinter der es dunkel ist. Das Bild wird ausgeblendet.

Drei
Die Splitter des Spiegels, sagt die Frau, haben sein Herz und auch den Blick getroffen. Sie erzählt das Märchen von dem verschwundenen Jungen weiter, als die beiden im Wagen sitzen. Das Mädchen, sagt sie, wird ihm helfen, wenn die Geschichte zu Ende geht.
Der Junge versteht nichts, den Jungen interessiert jetzt viel mehr das Reptil. Er will an diesem Ort sein. Er will das Tier zähmen, er will es streicheln, er will sich anlehnen und wissen, wie
sich die Zacken auf dem Rücken, die Zähne im Maul und die graue Haut anfühlen. Er will ins Innere kriechen. Über die rosafarbene, harte Zunge streichen und dahinter ins Innere schauen. Wissen, wie warm es im Bauch des Sauriers ist und nie wieder daraus hervorkommen, falls es warm genug darin ist.
Das Lachen der Frau im Sprung will er hören und das Knistern ihrer schwarzen, halbhohen Schuhe im Herbst, bevor er wieder ganz angekommen ist in diesem Winter. Bevor der Junge wach wird und begreift, er wurde durch eine Tür gezogen und sitzt nun wieder in dem blauen Wagen, der wo auch immer hin fährt.
Dann sieht er erneut den Kügelchen nach, die an die Scheibe fliegen. Er fragt sich, warum der Himmel immer derselbe ist und auch, warum er vom Wagen aus nie die Bäume, die Wälder und die Landstraßen sieht.

Vier
Wir befinden uns vor einem weiteren Haus, das bisher keine Rolle gespielt hat und es ist immer noch Winter. Mittlerweile kommen kräftige Flocken herunter. Der Schnee ist inzwischen so viel, dass es überall hell um den Jungen geworden ist. Er sieht sich um und kann nichts als Weiß erkennen. Es sticht ihm in den Augen. Das schwarze Haar der Frau fällt auf in der Jahreszeit.
Die beiden sind auch diesmal nicht allein. Der Junge sieht nach oben und erkennt die Tränen eines Mannes, den er vor einigen Tagen hinter grünem Rundglas wie einen Magier im Dickicht von Elixieren gesehen hat.
Die Frau ist da und mit ihr der Zauberer. Es ist grell um die beiden. Sie erzählen einander arktische Fabeln. Jeder für sich. Keiner hört dem anderen zu. Die Fabeln und Sprüche werden hin und wieder schneller, sie werden wilder, zwischen den Gesichtern der Frau und des Zauberers bildet sich über Minuten ein eiskalter Qualm, einer, der dem Jungen nicht in den Augen sticht, ein anderer als in der Wohnung des Mannes.
Es fallen wieder Kügelchen. Zu allen Seiten türmen sich Wände aus einer gepressten, hellen Masse, an die er sich niemals anlehnen will. Sie ist so hart zusammengedrückt, dass es ihm nicht gelingt, ein wenig heraus zu kratzen und eine Kugel zu formen. Sogar der Untergrund, auf dem er verharrt, besteht aus der Masse. Der Boden hat sich schweigend erhöht. Wenn der Junge das Gewicht seines Körpers auf der selben Stelle von einem Bein auf das andere legt, knarrt die Masse jedoch bedrohlich.
Die Fabeln werden lauter und lauter. Der Junge schaut nicht mehr auf, er kann den Kopf nicht so lange heben. Der Qualm verwandelt sich in eiskalte Wolken. Der Ton setzt aus. Die Kamera schwenkt geduldig über eine verträumte Landschaft. Der Film bricht ab.
Nächste Einblendung. Der Junge hört plötzlich wildes Geschrei oberhalb seines Kopfes. Dann verwackelt das Bild. Die Hand zieht ihn weg.

Fünf
Jetzt sitzt er im Wagen. Ein Schlüssel klirrt und hektisches Hecheln dringt von vorn, der Junge kann es sehen, es ist ein weißes nebliges Hecheln, das aus der Frau mit den Klavierhänden kommt, der Schneefrau. Dann brummt der Wagen auf und das Bild
verwackelt erneut. Der Junge nimmt seine Kräfte zusammen, denn das muss er sehen. Der Gurt hat ihn kurz noch im Griff. Er drückt mit aller Kraft auf die Schnalle, er zerrt und drückt, das Band ratscht zurück. Der Junge stellt sich auf das Polster der Hinterbank und dreht sich um, er blickt durch die Heckscheibe. Seine Augen sind klein und treffen den Blick des Zauberers. Die Augen des Zauberers leuchten wie Schnee. Der Zauberer steht draußen und bleibt allein.

Sechs/ Ausstieg
Der Wagen wird kleiner. Er geht in der Landschaft unter. Auch die Augen des Jungen werden kleiner. Seine Hände halten sich an der Heckscheibe fest. Die Heckscheibe ist kalt. Der Mann winkt und weint und er raucht. Die Frau fährt. Sie fährt und es dämmert. Sie dreht sich nicht um. Sie nimmt den Jungen nach Norden mit.

Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.