Kai Mertig

Kai Mertig, geboren 1987 in Karl-Marx-Stradt, lebt in Leipzig. Mitbegründer und Redakteur der von 2009-2011 in Erfurt erscheinenden Literaturzeitschrift »wortwuchs«; Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie in Erfurt; Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig; Preise: u.a. Treffen Junger Autoren 2005 und 2009, Junges Literaturforum Hessen-Thüringen 2010, hr2-Arbeitsstipendium, Arbeitsstipendium des Freistaats Thüringen 2011.

Drei Männer fahren nach Reykjavik

Freitag Mittag, so gegen eins, zeigt Krüger schwitzend in die Ferne, das Wasser läuft ihm aus den Haaren, kannst du das sehen, sagt er, und nickt auf seinen Finger, er zeigt in die Landschaft, irgendwie aufgeregt, Krüger schlürft aus einer Dose, gluck gluck gluck, und wir sitzen auf seiner Bank hinter Esso, Krüger und ich und auch Katinka ist da. Ich sage seine Bank,
weil Krüger hier immer sitzt, was trinkt, was isst, Katinka streichelt. Um mehr geht es nicht. Auf die Art hat er sich eingerichtet: Der Himmel ist blau und die Lungen sind schwarz. Ein Satz wie ein Grab.
Er zeigt in die Ferne und schnippt, er schnippt obwohl da gar nichts ist. Kannst du das sehen? Ein bisschen wie zaubern ist das. Ich weiß, dass dort drüben die deutsche Provinz beginnt, sage ich. Und damit hört es auf. Aber ich weiß auch, dass neben mir ein Typ sitzt, den ich Krüger nenne, weil das richtig klingt, so alles in allem. Klaus Krüger, würde das nicht passen, nicht zu besonders, nicht spektakulär.
Katinka sage ich, und er nimmt den Arm endlich runter, das war wohl ein Wort. Auf einmal will er gar nichts mehr zeigen. Mögt ihr euch, ich meine. Ist sie deine Freundin oder was wird das, magst du sie. Katinka, so nenne ich die Katze dort drüben. Wieso kommt sie immer wieder, fütterst du sie. Mach den Mund auf Krüger! Er dreht den Kopf und schaut mich an.
Ganz regungslos, aber das ist nichts Neues. Hä, sage ich, jetzt sprich‘ doch mal, magst – du – die – Katze. Seine Antwort fällt aus. Darin nämlich sind die beiden gleich: Sie haben nichts zu tun in der Welt, außer Sachen zu sehen, also sitzen sie da und schweigen. Hurra, stummes Leben. Jeden Tag, so kurz vor zehn, macht es sich Katinka bequem, schaut Autos an, wie die in eine Waschanlage fahren, ein Wagen nach dem anderen, darin sitzen Menschen, die fein angezogen sind, tsch tsch tsch, vorn kommen die Autos sauber heraus und die Menschen darin schauen glücklich aus, ein bisschen, als wären sie mitgeputzt worden. Schön. Katinka kommt, schaut und wartet. Krüger kommt, schaut und wartet. Auto fährt rein, Auto kommt raus. Wenn es dunkel wird, dann geht Krüger fort, und dann ist auch Katinka weg. Das Spiel ist immer das gleiche.
Ich frage noch mal: Wie ist das mit der Katze? Er starrt herüber und schiebt mit einem Finger die Brille ins Gesicht. Beinah nachdenklich wirkt das. Sie ist mal zu mir gekommen. Kriegt jetzt mein Mittag. Krüger steht auf und verschwindet hinter einer Ecke. Nach drei Minuten ist er wieder zurück, setzt sich hin genau wie zuvor. Hinter der Tanke bleibt die Zeit stehen, denke ich. Alles was jetzt ist, war vorhin auch schon. Was soll man da denken. Nichts, bis auf das: Krüger hat das Essen gebracht. Mittag, das also meint er – eine Bockwurst und zwei Scheiben Toast. Lass es dir schmecken. Jaja , er mampft und nickt wie ein General. Kaum zu glauben, wie der Krüger sein kann.
Auf die Art zumindest seh ich ihn: Aus dem Kopf sprießt so etwas wie Haar, ein Dutzend an Fasern, das die obere Haut nur mit Not bedeckt. Die vorderen Ansätze sind grau, aber an den Schläfen geht ihre Farbe in ein Braun über, das an massives Holz denken lässt. Alt und schwer. In der Mitte des gesamten Gesichts sitzt eine Brille, die nicht recht passen will. Das Gestell nimmt fast schon die Wangen ein. Was an den Haaren fehlt, betont das Gestell, vor allem die Augen, um die man Angst haben muss. Sie sind klein und tauchen ab hinter dem Glas. Über Krügers Lippen, die wulstig an die Proportionen seiner Nase anschließen, hängt ein Schnurrbart, den man nicht ernst nehmen kann. Er schwingt wie Draht an seinen Enden und zeigt in Richtung der winzigen Augen. Es ist sehr heiß in diesem Sommer und mitten darin sitzt ein Mann, in Turnschuhen mit Klettverschluss, langer Jogginghose und einer Jacke aus Fleece. Hauptsache praktisch. Sommer wie Winter, der Krüger hat Prinzipien und die hält er ein. Miez-Miez, tz-tz , er schwenkt den Oberkörper nach vorn. Katinka kommt und frisst das Brot.
Er schaut in die Landschaft und hebt den Finger. Dasselbe Spiel wie vor ein paar Minuten. Krüger will etwas zeigen, ja das kennen wir schon. Kannst du das sehen, kannst du , nein Krüger, ich sehe immer noch nichts, und dann beißt er in die Wurst, Katinka und ich schauen ihm zu, jetzt ist er an der Reihe, er beißt was das Zeug hält, isst wie ein Mann, Krüger dieser Pragmatiker, unterschätze den nicht, einmal wird es ganz dick kommen und die Welt schaut sich um, zur Mittagszeit, Krüger sitzt auf seiner Bank hinter Esso, Katinka neben ihm und er beißt in seine 1,80-Wurst, als wäre die Zeit stehen geblieben, ganz leidenschaftslos, ganz der Krüger, das Fett quillt oben aus der Wurst, die Pelle platzt, kann man da wegsehen, Krüger beißt rein, dass es ordentlich knallt peng , nicht einmal peng , nicht zweimal peng , nein dreimal, ganz schonungslos, die Bockwurst zerplatzt an den Lippen eines Aktivisten aus der deutschen Provinz, und dann ist sie weg, die Wurst. Krüger wischt sich die Hände ab, weil die jetzt fettig sind, dafür muss dann die Hose herhalten. Danach legt er beide Arme auf den Bauch. Buddha hat gegessen und jetzt ruht er sich aus. Mit einem Male geschieht etwas: Klaus Krüger hat Mittag gegessen und alles scheint sich verändert zu haben. Da kommt eine Sache, mit der ich nicht rechne. Plötzlich redet er ganz von sich und in mehr als zwei Sätzen, er hat was zu sagen, dieser Krüger hat wirklich mal was zu sagen. Wer hätte das gedacht. Er erzählt aus heiterem Himmel von einem gewissen Carlos Ivan Rodriguez und einem fremden Mann aus dem Osten, der polnisch spricht, vor zwei Jahren seien sie hier gewesen, um das Auto zu waschen, sagt Krüger, und sie hätten ihn nach dem Weg gefragt, Krüger bleibt fast die Luft weg, als er davon spricht, er atmet schnell und sein Kopf läuft rot an, die kleinen Augen werden unerhört groß, sein Arm zeigt weiter in die Ferne. Sie wollten, dass er die Scheiben putzt, nur das, und Krüger habe gesagt, dass er nicht von der Tankstelle sei, sondern auch nur ein Mann, der die Welt sehen will, deshalb sei er da, Carlos und der andere Mann hätten gelacht, bestimmt fünf Minuten, bestätigt mir Krüger, und sie hätten gesagt, dass sie wieder herkommen werden und dann werden sie ihn mitnehmen, ihn, den Krüger, und zu dritt mit dem Auto nach Reykjavik fahren, Gletscher sehen, Geysire, all das. Wenn sie kommen, sagt Krüger, dann bin ich bereit. Weißt du , ich mach‘s wie die Wurst. Irgendwann werd ich einfach weg sein und keiner weiß, wo ich dann bin.
Wir schweigen uns an. Ob er etwas von Reykjavik wisse, frage ich. Aber Krüger antwortet nicht. Und warum ausgerechnet Island. Das ist eine Insel, ich meine, wie wollt ihr da mit dem Auto hin. Du glaubst zwei Männern die du nicht kennst? Krüger sagt nichts und streichelt die Katze. Er steht auf und geht, langsamen Schrittes, wie ein schwerer Buddha, dem das Lächeln fehlt. Es ist noch nicht dunkel, aber Krüger geht fort. Katinka geht mit und ich fahre heim. Denn Morgen ist ja auch noch ein Tag.

Erstdruck in tschechischer Übersetzung (Literárne-kulturní casopis H_ALUZE, Nr. 14, S.35-37, Ústí nad Labem/ Tschechien)
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.