Kai Mertig

Kai Mertig, geboren 1987 in Karl-Marx-Stradt, lebt in Leipzig. Mitbegründer und Redakteur der von 2009-2011 in Erfurt erscheinenden Literaturzeitschrift »wortwuchs«; Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie in Erfurt; Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig; Preise: u.a. Treffen Junger Autoren 2005 und 2009, Junges Literaturforum Hessen-Thüringen 2010, hr2-Arbeitsstipendium, Arbeitsstipendium des Freistaats Thüringen 2011.

Windmann geht die Stürme küssen

die luft ist raus, sagt windmann, und dann steigt er in den wagen und schrammt knapp an den bäumen vorbei, es gelingt ihm wie einem überflieger, wie einem, der die jahre im griff hat, der jede kurve meistert und dafür auch noch preise bekommt. windmann nimmt die überholspur, aber er liegt nachts sechs stunden wach und starrt die decke an, weil er an eine frau denken muss, die er nie mehr wieder sehen wird. windmann fährt ans meer und ich fahre mit ihm, windmann baut sich ein zelt am strand und danach wischt er sich den schweiß von der stirn, windmann, den man aushalten muss auf seiner kleinen weltflucht. im sommer fliegen die schwalben fort, er lallt es und lacht wie ein bösewicht in einem alten western. er ist kurz angekommen bei sich. zwei halbstarke stehen sich gegenüber und der eine von beiden zieht den colt. windmann fehlt nur ein hut irgendwie. ich kann ihn mir mit rabenschwarzem haar vorstellen und auch mit tiefrotem schottischen bart. du sollst nicht meinen namen nennen , er schaut herüber, dass ich es ihn fast sagen höre. windmann läuft mir gebohnertem kopf unter seinem himmel, seine augen sind von altrosa unterlaufen, aber sie bröckeln zwischen den engen lidern. überhaupt hat sein gesamtes gesicht etwas von einer verlassenen landschaft im osten europas: es weist grobe unebenheiten auf wie ein heimatloses feld, in das der frost einzog. mund und stirn sind unbeweglich, als wäre sein besitzer vor langer zeit ausgewandert. ich kann die karpaten erkennen und auch den böhmischen wald. direkt darunter am kinn kerbt sich eine breite narbe. don quijote denke ich, nicht der osten. sie ist so lebensnah und ausgewachsen, dass ich erschrecke. sie passt gar nicht hierher, sie leuchtet wie eine ampel in der haut, als müsse man vor ihr stehen bleiben, mitten im nichts. in wahrheit sitzen wir jetzt irgendwo in italien. es ist schrecklich heiß hier und über uns ist himmel, sehr seltsamer blauer himmel, und sehr viel davon. wir essen pizza in einer kleinen hütte am strand und der wind ist so nah, dass uns alles abhanden geht. wenn morgen das finanzsystem zusammenbricht, dann laufe ich von bar zu bar und baue kartenhäuser bis die krise vorbei ist. ich weiß nicht, was er mir sagen will. cowboysprache. er als einer, der alles in den sand gesetzt hat und mit nassen taschen aufs meer blickt, reißt wieder einen schlechten witz. windmann dieser komische kauz, der jedesmal zaubern kann, wenn es sein muss und der immer ein bisschen blau ist, wenn er an den falschen stellen lacht. frag nicht, woher er kommt. da ist windmann und dort und immer macht er ein kleines kunststück. mit einem male sitzt er neben dir und du weißt nicht wie. ich mache jetzt ein foto von ihm. mit der einen hand zückt er sein telefon, als wolle er einen zaubertrick aufführen, mit der anderen schiebt er sich ein stück pizza in den mund und schmatzt. er versucht die frau anzurufen, an die er immer denken muss, sie sei schön hatte er mir auf der fahrt erzählt, so blonde haare und geile beine und dazwischen gar nicht schlecht, mit der könne man was anfangen. der cowboy braucht eine frau. ich trinke einen schluck. ich trinke fanta, weil windmann becks trinkt und zwei pupillen in den augen hat, die klein und gefährlich aussehen. er wartet, dass am anderen ende jemand den hörer abnimmt, wartet auf die geilen beine und die blonden haare und auf den mund, der so schön italienisch sprechen kann. es klingelt, aber am anderen ende nimmt keiner ab. du sollst nicht meinen namen nennen. windmann weiß nicht wie ihm geschieht, er wird rot, zittert am kinn und weint, springt auf und lässt mich sitzen an einem ort, den wir beide nicht kennen. ich gehe zum zelt und warte auf ihn, aber keiner kommt, don quijote greift gerade die windmühlen an. don quijote hat viele geschichten: er liegt nachts im bett und starrt die decke an, fliegt mit einem auto über die alpen, und hofft dann, dass sich eine frau einfach auf seine schulter setzt. und wenn es schief geht, dann schießt er sie eben auf den mond. die rakete ist abgeschossen. die augen sind klein. paradiesvögel fängt man nicht ein, windmann sowas sieht dir ähnlich. ich wünsche dir ein haus und eine hochzeit und auf der feier danach den härtesten schnaps, den du auftreiben kannst. jedenfalls kein campingzelt, keine leeren blicke aufs meer, keine fanta aus der dose, und erst recht keinen schlechten colt. windmann, mir wird jedesmal schlecht von deinen abenteuern und ich will im süden keine pizza mehr essen. ich will zuhause sitzen in unserm garten und limonade trinken, die kalt ist. wenn du zurückkommst, fahren wir heim.

Anthologie "Flight Club"
Texte aus dem Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb 2007-2010
Erfurt 2010.
Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.