Kai Mertig

Kai Mertig, geboren 1987 in Karl-Marx-Stradt, lebt in Leipzig. Mitbegründer und Redakteur der von 2009-2011 in Erfurt erscheinenden Literaturzeitschrift »wortwuchs«; Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie in Erfurt; Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig; Preise: u.a. Treffen Junger Autoren 2005 und 2009, Junges Literaturforum Hessen-Thüringen 2010, hr2-Arbeitsstipendium, Arbeitsstipendium des Freistaats Thüringen 2011.

Allein wir drei

Wir können jetzt gehen, sagt meine Schwester, und legt mir ihre
Hand an das Ohr. Wir sind zuhause, da legt sie ihre Hand auf
den Tisch, dieselbe, mit der sie die Blumen später in halber
Höhe aufrecht hält. Wir können jetzt gehen, sagt meine
Schwester und ich frage: Wohin?

I
Erst müsse alles gut verstaut werden, Haken, Schnur, eine Dose Lebendfutter, das Gepäck für den Ausflug mit dem was gebraucht wird, es müsse zusammen in einer lauen Tasche untergebracht werden, hatte er gesagt, und ein Klappstuhl gehöre auch dazu, der rustikale, der trotzdem beständige, der, mit dem man schon zum ersten Mal hinausgefahren sei, und der, ist man erst einmal nahe am Schilf, das zu dieser Jahreszeit besonders hoch wachse, fest in den Kies zu stellen sei, um dann dort einige Stunden nichts als zu warten. Es liege an der Fähigkeit, einen Wunsch nach Ruhe dabei zu beweisen, hatte er mit Nachdruck gesagt, deswegen schließlich
sei man immer hinausgefahren, über Sommer hinweg, die Männer vom Dienst in den guten Jahren. Der Drang danach, nur in die Landschaft zu schauen, der Wunsch nach Nichtssagenwollen, womöglich mit klein gekniffenen Augen, aufgrund der Sonne, die zu dieser Zeit über den hellen Landstraßen steht, sei dabei von grundsätzlicher Art. Ist man erst einmal am Ziel, gelte es, Taschen und Stühle bis in den Kies zu tragen, man sei auf diesem Wege immer über das Gras gegangen, bis man den Binsen und den noch höher wachsenden Sträuchern, die hier heimisch sind, langsam entgegenlief, mit offenen Schuhen und sehr festem Schritt. Dann habe man eine gemeinsame Zeit gefunden, der Rückfahrt wegen, und sich um das Ufer herum verteilt. Die Erinnerung daran, wie es war, mit zwei stummen Männern in einem Wagen zu sitzen, die stumm waren, weil sie gemeinsam auf nichts als einen See warteten, brachte ihn dazu, im Kopf zurück bis in die Jahre zu gehen, als er ein Mann mit zwei echten Beinen war, er erzählte von Dingen, die er mit sich allein tat, dass er einer war, der sich das Haar morgens mit etwas Wasser zur Seite kämmte bis es glänzte, und dass er danach aufrecht seinen Kaffee trank, dass er sich dann fertig machte für die gemeinsame Fahrt an den See, denselben vor dem er später mit einem breiten Grinsen wie ein Goldgräber stand. Ein riesiger Fisch hing ihm über den Armen. Er förderte kleine Geschichten zutage, er sprach über Barsch und Brandung, Bier und Angelrute. Er hielt ein paar schlechte Witze parat. Darüber lachte er, sobald sie gesagt waren. Sein Bauch zitterte dann sonderbar heftig. Damit der Fang glückt, sei über die Ruhe hinaus auch ein wenig Gespür mit an den See zu bringen. Es genüge nicht, einen Wurm in das seichte Wasser zu halten und auf ein wildes Wesen zu warten, hatte er gesagt, man müsse die kleinste Schwingung bemerken. Wenn der Fisch anbeißt, habe man sich schnell einen festen Stand zu verschaffen, man müsse mit entschlossener Hand an der Kurbel drehen, erst so hebe man den Schatz aus der wässrigen Grube. Auch etwas Geschick habe man zu beweisen, weil sonst das Tier still seine Runden kreist.

II
Ich sagte: Erzähl doch vom Schnee. Für jeden Besuch gab es eine Geschichte. In diesem Winter fiel der Schnee wie schon seit Jahren nicht. Er türmte sich in den Wiesen, er sammelte sich vor dem Haus, es schneite, als habe der Schnee etwas zu verbergen, das Tauwetter setzte bis in den März noch nicht ein.Vom Schnee sprach er nicht, er sprach von der Fahrt mit den zwei stummen Männern. Erst Jahre später, als der Großvater nicht mehr selbständig ging, ließ der Schnee in den Wintertagen allmählich nach. Großvaters rechtes Bein begann plötzlich zu knacken. Bei jedem Schritt am dieses Knacken, es hörte nicht auf. Alles war mit einem Mal deutlich. Im Badezimmer rauschte das Wasser, anschließend plätscherte es, immerzu hinein in eine Wanne, die aus Keramik gefertigt war, dazwischen das allzu deutliche Knacken. Das Wasser floss über die kalte Beschichtung, und sammelte sich sehr flach auf dem Grund, dazwischen das Knacken. Das Rauschen wurde ein Plätschern, das Plätschern wurde ein Ächzen, Großvater strengte es an, wenn man ihn in das Wasser setzte, er machte dann große Augen und stieß Laute aus, die nach schwerer Arbeit klangen, er wusch sich ohne Ruhe den Stumpf, er nannte ihn wörtlich: Das schlaffe Stück Haut am Ende des Ichs. Der längere Teil am Ende des Ichs stand dann trocken auf den Fliesen. Wenn der Großvater fertig mit Baden war, zog ich ihn unter den Armen hoch und setzte ihn stabil auf die Kante. Hat man es soweit geschafft, dass man über ausreichend Ruhe und auch Gespür verfügt, zu wissen, wann einem Fisch der Wurm schmackhaft ist, sei es auch nur ein künstlicher Wurm, und hat man dazu noch die Kurbel mit Eifer sehr lange gedreht, so wird sich erst zeigen, ob der Fisch wirklich an Land gezogen ist. Im besten Fall, im Glücksfall also, nehme man ihn vom Haken ab und halte ihn sicherheitshalber gut fest, weil er sehr unruhig dabei werden wird. Man lege ihn in eine geeignete Tiefe und räume alles, was gebraucht wurde, in eine blaue Tasche. Dann trete man den sehnlichen Heimweg an, gemeinsam zu der vereinbarten Zeit.

Oben kräuselt ein wolkiger Himmel. Er baut uns weiße Tiere aus Spaß. Wir schauen uns um und schauen uns an, es ist beiweiten keiner zu sehen. Allein wir drei. Aus Überfluss sind wir stumm, aus Überfluss nach dem langen Schweigen. Wird
Zeit, sage ich, und einer legt die Blumen ins Gras. Unsere Bäuche sind rund geworden vom Kummer. Der Großmutter streicheln wir über den Kopf. Wir sagen nicht: Großmutter, alles ist gut. Die Großmutter weint. So gehen wir über die langen Wiesen. Wir können jetzt gehen, sagt meine Schwester, und ich frage wohin, weil uns die Richtung fehlt.

Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.