Steffen Mensching

Summa summarum

Ein kleines Scharmützel,

Eine unbedeutende Blutfehde
Zwischen zwei Brüdern,

Familien, verfeindeten

Lagern. Merkwürdige Angelegenheit,
Die sich hinzog, drei

Oder vierhundert Jahre, ging es

Um Silberlöffel, ein Stück

Seife, Brot, Land,

Eine Frau oder den Maschinenpark?
Alles unklar, alles restlos

Zerstört. Kein Stein

Blieb auf dem andern. Man hat

Sich geeinigt, niemand

Weiß wie, eine Partei

Hat gewonnen, niemand weiß
Welche. Die Überläufer

Wechselten täglich

Die Linien. Die Front war am Ende
Nurmehr ein Phantom.

Jetzt hängen Bettlaken

In den Ruinen. Der Krieg

Ist vorbei. Sieger

Sucht man vergeblich.

Im Innenhof liest

Ein blinder Krüppel

Den Delinquenten

Die Urteile vor.

aus: Steffen Mensching "Berliner Elegien", Faber und Faber Verlag, Leipzig 1995.
Alle Rechte beim Autor.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.