Thüringer Schriftsteller vorgestellt


Foto: Bettina Olbrich.


Harald Gerlach (1940-2001) wurde in Schlesien geboren und wuchs ab 1945 im südthüringischen Grabfeld auf. 1970-1984 war er Mitarbeiter der Städtischen Bühnen Erfurt, ab 1985 freischaffender Schriftsteller in Erfurt und Rudolstadt, ab 1992 in Leimen.

Das Gedicht und der Text sind der "Thüringer Anthologie" (7.3.2015) entnommen, die der Thüringer Literaturrat e.V. gemeinsam mit der "Thüringer Allgemeinen" jeden Sonnabend veröffentlicht.

Harald Gerlach

An Buchonia


Zögernd in deine ländlichen Arme
nahmst du mich Landlosen endlich auf.
Frieden schenktest du mir,
Brot und Lieder. Und frühe Liebe.
Trieb es mich um – Schöne,
am Ende bleibst Du mir allein.


Lothar Ehrlich

Zum 75. Geburtstag von Harald Gerlach am 7. März 2015

Das Gedicht entstand im Oktober 2000. Es ist eines der letzten von Harald Gerlach. Nach einer Operation erfuhr der Dichter, dass er nicht mehr lange leben würde. Trotzdem arbeitete er weiter an seinem Roman „Blues Terrano“ (dem 2. Band der „Windstimmen“) und anderen Texten. Der Roman erschien nach Gerlachs Tod am 19. Juni 2001. „An Buchonia“ erinnert an die biographische und literarische Beziehung des Dichters zu seiner zweiten Heimat – dem südthüringischen Grabfeld, das die Karolinger Buchonia nannten. Mit seiner Familie hatte es Harald Gerlach 1945 als Flüchtling aus Niederschlesien in die Landschaft um Römhild und die Gleichberge verschlagen. Hier kam der „Landlose“, der Heimatlose, an, indem er sich der Geschichte und Kultur dieser Region poetisch versicherte. Im Werk ist immer wieder von Buchonia die Rede, obwohl Gerlach die Landschaft bereits 1961 verließ und nach Erfurt ging. Seine ersten Gedichte über das Grabfeld entstanden Anfang der siebziger Jahre, 1976 folgte die Erzählung „Das Graupenhaus“.
Eines der markantesten „Lieder“ dürfte wohl „Johann Peter Uz in Römhild“ (1973) sein, über den Gerlach später (1988) eine Novelle schrieb: „Abschied von Arkadien“. Das Gedicht enthält seine Maxime als Mensch und Dichter, wenn er den anakreontischen Frühaufklärer zitiert: „Ich werde nie ein großer Mann, weil ich mich knechtisch nie geschmieget.“ Diese Haltung hat Harald Gerlach ohne Kompromisse vertreten – mit der Konsequenz, dass ihm weniger „Brot“, dafür aber viele „Lieder“ ‚geschenkt‘ wurden. Und auch den „Frieden“ fand der Autor lediglich in den poetischen Fiktionen von Buchonia, der „Schönen“, die er verließ („Trieb es mich um“), zu der er nun aber „endlich“ zurückkehrt. Der der nach der Übersiedlung nach Baden 1992 erneut „Landlose“ weiß, seinen baldigen Tod ahnend: „am Ende bleibst du mir allein.“ Harald Gerlach wünschte, in Römhild beerdigt zu werden, damit er seinen „Frieden“ in jener „Schönen“ finden möge, die ihm „Brot und Lieder. Und frühe Liebe“ gegeben hatte. In die Grabplatte eingeschnitten ist der Text des Gedichts „An Buchonia“.

Prof. Dr. Lothar Ehrlich, geboren 1943 in Halle/Saale studierte Germanistik, war Präsident der Klassik Stiftung Weimar und Direktor des Goethe-Nationalmuseums in Weimar.