Leseförderung und Literaturvermittlung in Thüringen

Erzählen und Vorlesen im Kindergarten

Erzählen und Vorlesen sind zwei grundsätzlich voneinander zu unterscheidende Begriffe. Während der Vorleser weitgehend an den Text, an das Buch gebunden ist, so kann der Erzähler frei sprechen und dabei die Kinder ansehen. Dabei verinnerlicht der Erzähler die Geschichte, zumindest in groben Zügen, so dass er sie beim Erzählen frei gestalten kann. Der ungestörte Blickkontakt ermöglicht das unmittelbare Reagieren auf die jeweilige Situation (wenn z.B. etwas nicht verstanden wurde, kann der Erzähler Passagen wiederholen, etwas erläutern usw.). Daher ist es von Vorteil, wenn die Zuhörer etwa gleichaltrig sind, so dass das Verstehen bzw. Nichtverstehen etwa auf gleicher Ebene erfolgt und sich niemand zu langweilen beginnt. Mit dem Erzählen und Vorlesen wird auch die Konzentrationsfähigkeit geschult. Das Gehörte bietet (z.B. in Form von wiederkehrenden Mustern) Vorlagen für das eigene Wiedergeben von Eindrücken und Erdachtem. Regelmäßige Erzählkreise, in denen vom Alltagserlebnis bis zu Phantasiegeschichten alles thematisiert werden kann, können eine Gelegenheit sein, regelmäßig zu erzählen und zuzuhören. Die Kinder haben durch das Hören von Geschichten die Gelegenheit, Handlungsmuster der Geschichtenhelden mit dem eigenen Leben zu vergleichen, sie werden mit den Erfahrungen und Aussagen der anderen Kinder im Kindergarten konfrontiert und erwerben beim Verhandeln von Positionen soziale Kompetenzen. Dabei trifft dies wohl gleichermaßen auf kulturelle, religiöse wie soziale Aspekte zu. Damit erklärt sich auch der Vorteil eines frühen Beginns kultureller Artikulation und des interkulturellen Dialogs, die wegbereitend für die Schule und das Leben wirken. Nicht zuletzt fördert das (eigene) Erzählen die Sprachkompetenz auch von Kindern, die nicht Deutsch als Muttersprache haben.

Also Geschichten erzählen – aber wie?

Es beginnt mit der Vorbereitung. Hilfreich ist das Lesen für sich selbst. Und darüber das Finden eines geeigneten Textes oder Stoffes, der sich zum Erzählen eignet. Im Anschluss an das Verinnerlichen des Textes lassen sich komplizierte Worte durch verständliche ersetzen, wobei Wortschatz und Erzählstruktur jedoch erhalten bleiben sollen. Die anschließende Erzählung kann der Erzähler durch Aufzeichnung dokumentieren und so sein Tun überprüfen – bis das Ergebnis überzeugt. Zunächst muss ein geeigneter Ort gewählt werden, an dem sich Erzähler und Zuhörer aufeinander konzentrieren können und ungestört sind. Hilfreich sind bestimmte Rituale, die auf das Kommende einstimmen. Wie im (Puppen-)Theater das Licht gedämpft wird und der Vorhang aufgeht, kann sich der Erzähler einen Erzählerhut: kurt er stellt die Atmosphäre für die Geschichtenzeit her. Märchen und auch andere Texte müssen keineswegs in die heutige Zeit transferiert werden. Der fremde Sprachduktus macht gerade ihren Reiz aus. Märchen bieten zudem durch ihre formal ähnliche Struktur (es war einmal... bis ...und wenn sie nicht gestorben sind oder die dreifachen Abläufe im Märchen) ein hohes Wiedererkennungspotential, d. h. die Kinder wissen, das das Mär-chen am Ende gut ausgehen wird. Thomas Hoffmeister-Höffner verweist in diesem Zusammenhang auf das aristotelische narrative Grundschema: Eröffnung, motorisches Moment, Höhepunkt, Ablauf und Endbild (Moral), das zu allen Zeiten Geschichtenerzählern als Leitfaden diente. (Hoffmeister-Höfener, Thomas Hg., Erzählwerkstatt im Kindergarten, Berlin-Düsseldorf 2009, S. 45f.) Bilder (Illustrationen) erweisen sich hier als hilfreiche Stützen für die Erzählung, auf denen die Schlüsselmomente der Geschichte festgehalten werden. Diese können dann leicht vom Erzähler ausgemalt und ausgeschmückt und emotional aufgeladen werden. Nicht zuletzt unterstützt ein wenig schauspielerisches Talent des Erzählers, ihn in verschiedene Rollen (stimmlich und körperlich) schlüpfen zu lassen. Bei all dem sollten die Zuhörer in die Geschichte mit einbezogen werden, Fragen müssen erlaubt sein und können vom Erzähler geschickt in den Fluss der Erzählung eingebettet werden. Die Länge der Geschichte muss auf die Altersgruppe, auf ihren Entwicklungsstand, die Gruppengröße, den Gewöhnungsgrad der Gruppe an das Zuhören usw. abgestimmt werden.


Projekte des Lese-Zeichen e.V. für Kinder im Kindergartenalter:
Jedes Wort hat eine Melodie
Die Guten-Morgen-Geschichte
Horn trommelt!
Kinder brauchen Märchen