
Erzählen und Vorlesen im Kindergarten
Als Geschichtenerzähler bist du zugleich Intendant, Regisseur und Ensemble eines glorreichen Einmann-Theaters. Je nach Bedarf kannst du deine Stimme leise und zart machen, polternd und grobschlächtig. Du kannst, wo erforderlich, bellen oder auch zwitschern, blöken wie eine ganze Hammelherde oder auch muhen. Du kannst schnell oder langsam erzählen, kannst Pausen einle-gen, Sätze abbrechen, sie mit einer Handbewegung zum Abschluss bringen. Du kannst mit den Ohren wackeln, nach oben, nach unten schielen, dich räuspern, dich schütteln, ängstlich die Hände ringen. Auch kannst du dich, je nach Bedarf, mit deinem Publikum unterhalten. Du kannst Fragen stellen, kannst Gegenfragen provozieren, kannst sie auch gleich beantworten lassen. Dies alles kannst du als Schriftsteller leider nicht mehr. Überhaupt bist du als Schriftsteller im Vergleich zum Geschichtenerzähler ein armer Hund. Der Erzähler hat sein Publikum leibhaftig vor Augen. Er sieht, hört und spürt, wie das Auditorium reagiert. Er merkt auf der Stelle, wo er zu ausführlich oder zu knapp wird, ob sich Langeweile ausbreitet, ob er über die Köpfe der Zuhörer hinweg erzählt oder nicht. Und wenn sich der kleine Franzl, das kleine Reserl an einer bestimmten Stelle fürchten, so kann er dies abfangen. Durch eine spaßige Bemerkung, durch ein freundliches Wort an der rechten Stelle. Sobald du aber Geschichten aufschreibst, bis du mit dir allein, mit dir und mit deinem Bleistift, der Schreibmaschine, dem elektronischen Textsystem. (Otfried Preußler)
(Lob des Einmann-Theaters. Ein Geschichtenerzähler macht sich Gedanken; in: Volkacher Bote. Mitteilungsblatt der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur in Volkach am Main, Nr. 78, 2003; S. 10.)
Auch Erzählen und Vorlesen sind zwei grundsätzlich voneinander zu unterscheidende Begriffe. Während der Vorleser weitgehend an den Text, an das Buch gebunden ist, so kann der Erzähler frei sprechen und dabei die Kinder ansehen. Dabei verinnerlicht der Erzähler die Geschichte, zumindest in groben Zügen, so dass er sie beim Erzählen frei gestalten kann. Der ungestörte Blickkontakt ermöglicht das unmittelbare Reagieren auf die jeweilige Situation (wenn z.B. etwas nicht verstanden wurde, kann der Erzähler Passagen wiederholen, etwas erläutern usw.). Daher ist es von Vorteil, wenn die Zuhörer etwa gleichaltrig sind, so dass das Verstehen bzw. Nichtverstehen etwa auf gleicher Ebene erfolgt und sich niemand zu langweilen beginnt. Mit dem Erzählen und Vorlesen wird auch die Konzentrationsfähigkeit geschult. Das Gehörte bietet (z.B. in Form von wiederkehrenden Mustern) Vorlagen für das eigene Wiedergeben von Eindrücken und Erdachtem. Regelmäßige Erzählkreise, in denen vom Alltagserlebnis bis zu Phantasiegeschichten alles thematisiert werden kann, können eine Gelegenheit sein, regelmäßig zu erzählen und zuzuhören. Die Kinder haben durch das Hören von Geschichten die Gelegenheit, Handlungsmuster der Geschichtenhelden mit dem eigenen Leben zu vergleichen, sie werden mit den Erfahrungen und Aussagen der anderen Kinder im Kindergarten konfrontiert und erwerben beim Verhandeln von Positionen soziale Kompetenzen. „Wem es gelingt, durch Erzählen die Aufmerksamkeit von anderen zu gewinnen, ist sozial integriert. Er ist in der Lage, sich in einer Gruppe zu bewegen und das Gruppenleben mit zu gestalten. Erzählen können bedeutet auch, sich mitteilen und miteinander sprechen zu können. Damit kann das Erzählen einer interkulturellen, generationsübergreifenden, interreligiösen Dialog bewirken.“ (Knecht, G., Höfer, R., Straus, F., Der Wert des Erzählens, in: Hoffmeister-Höfener, Thomas (Hg.), Erzählwerkstatt im Kindergarten, Berlin-Düsseldorf 2009, S. 19.) Dabei trifft dies wohl gleichermaßen auf kulturelle, religiöse wie soziale Aspekte zu. Damit erklärt sich auch der Vorteil eines frühen Beginns kultureller Artikulation und des interkulturellen Dialogs, die wegbereitend für die Schule und das Leben wirken. Nicht zuletzt fördert das (eigene) Erzählen die Sprachkompetenz auch von Kindern, die nicht Deutsch als Muttersprache haben.
Also Geschichten erzählen – aber wie?
Es beginnt mit der Vorbereitung. Hilfreich ist das Lesen für sich selbst. Und darüber das Finden eines geeigneten Textes oder Stoffes, der sich zum Erzählen eignet. Im Anschluss an das Verinnerlichen des Textes lassen sich komplizierte Worte durch verständliche ersetzen, wobei Wortschatz und Erzählstruktur jedoch erhalten bleiben sollen. Die anschließende Erzählung kann der Erzähler durch Aufzeichnung dokumentieren und so sein Tun überprüfen – bis das Ergebnis überzeugt. Zunächst muss ein geeigneter Ort gewählt werden, an dem sich Erzähler und Zuhörer aufeinander konzentrieren können und ungestört sind. Hilfreich sind bestimmte Rituale, die auf das Kommende einstimmen. Wie im (Puppen-)Theater das Licht gedämpft wird und der Vorhang aufgeht, kann sich der Erzähler einen Erzählerhut: kurt er stellt die Atmosphäre für die Geschichtenzeit her. Märchen und auch andere Texte müssen keineswegs in die heutige Zeit transferiert werden. Der fremde Sprachduktus macht gerade ihren Reiz aus. Märchen bieten zudem durch ihre formal ähnliche Struktur (es war einmal... bis ...und wenn sie nicht gestorben sind oder die dreifachen Abläufe im Märchen) ein hohes Wiedererkennungspotential, d. h. die Kinder wissen, das das Mär-chen am Ende gut ausgehen wird. Hoffmeister-Höffner verweist in diesem Zusammenhang auf das aristotelische narrative Grundschema: Eröffnung, motorisches Moment, Höhepunkt, Ablauf und Endbild (Moral), das zu allen Zeiten Geschichtenerzählern als Leitfaden diente. (Hoffmeister-Höfener, Thomas (Hg.), Erzählwerkstatt im Kindergarten, Berlin-Düsseldorf 2009, S. 45f.) Bilder (Illustrationen) erweisen sich hier als hilfreiche Stützen für die Erzählung, auf denen die Schlüsselmomente der Geschichte festgehalten werden. Diese können dann leicht vom Erzähler ausgemalt und ausgeschmückt und emotional aufgeladen werden. Nicht zuletzt unterstützt ein wenig schauspielerisches Talent des Erzählers, ihn in verschiedene Rollen (stimmlich und körperlich) schlüpfen zu lassen. Bei all dem sollten die Zuhörer in die Geschichte mit einbezogen werden, Fragen müssen erlaubt sein und können vom Erzähler geschickt in den Fluss der Erzählung eingebettet werden. Die Länge der Geschichte muss auf die Altersgruppe, auf ihren Entwicklungsstand, die Gruppengröße, den Gewöhnungsgrad der Gruppe an das Zuhören usw. abgestimmt werden.