Bücher vorgestellt: "Heimat in der Fremde? Hallo und Merhaba"


"Heimat in der Fremde? Hallo und Merhaba",
(Hg.) Friedrich-Bödecker-Kreis für Thüringen,
Erfurt 2016.
Bezugsmöglichkeit über den FBK


Die „Flüchtlingskrise“ hat Europa in den letzten beiden Jahren aufgewühlt. Die professionelle Politik und ihre Kompromissvernunft verlieren auch in der öffentlichen Rede an Boden. Gefühle beherrschen die Debatte. Eine Rhetorik ist im Schwange, die sich zwischen Mitleidsappellen und Hasstiraden, gezielten Tabuverletzungen und Empörungsritualen hin- und herreißen lässt.

Einen Ausweg aus dieser durch und durch vermasselten Lage zu finden ist schwierig. Was ist eigentlich das Problem? Worüber genau reden wir, wenn wir über die „Flüchtlingskrise“ reden? Notwendig ist zuallererst eine genaue Beschreibung der Tatsachen. Die wahren Geschichten der Menschen müssen erzählt werden. Am besten von den Menschen selbst.

Das soeben erschienene Buch „Hallo und Merhaba“ ist ein wunderbar gelungener Versuch, mit einer Bestandsaufnahme zu beginnen. Herausgeber ist der Friedrich-Bödecker-Kreis für Thüringen e.V. mit Sitz in Erfurt. Zugrunde liegt dem von Frank Ruprecht hübsch illustrierten, 100 Seiten umfassenden Band ein von Ellen Scherzer entwickeltes und von Andreas Budzier und Stefanie Weise betreutes Projekt.

Eine Woche lang trafen sich im Januar 2016 dreizehn unbegleitete minderjährige Geflüchtete im Alter zwischen 15 und 17 Jahren. Sie mussten aus ihrer Heimat vor Krieg und Elend fliehen. An der Erfurter Volkshochschule fanden sie sich zu Schreib- und Erzählwerkstätten zusammen. Das Buch dokumentiert die von den Jugendlichen zum Teil selbst auf Deutsch niedergeschriebenen Erinnerungen. Sie bringen ihre Heimat, die Erfahrungen auf der Flucht und ihre Hoffnungen zur Sprache.

Wahre Odysseen sind zu lesen: Ein Leben in Autos und Zügen, versteckt im Maschinenraum eines Frachters, dichtgedrängt in Schlauchbooten und einsam schwimmend auf dem Mittelmeer. Abbdulraout erzählt, wie er in Amman als Frisör, in Istanbul als Süßwarenverkäufer arbeitete. Wir erfahren, wie schwer es für die jungen Menschen ist, sich an deutsche Pünktlichkeit zu gewöhnen und daran, dass man Beamte nicht bestechen darf, dass sich Schwule auf der Straße küssen. Fast alle träumen davon, zu heiraten, Kinder zu haben, einer möchte Fußballer werden, ein anderer Ethiklehrer, einer ein Dönerrestaurant aufmachen und einen Rolls Royce fahren. Parwiz will Präsident von Afghanistan werden und eine große Atombombe für sein Land bekommen, damit die Welt wieder Achtung hat vor seinem geschundenen Land.

Ergänzt werden die Erfahrungen der Geflüchteten durch Interviews mit einer Thüringer Ministerin und drei Thüringer Ministern. Ein kleines Wörterbuch für die erste Verständigung, einige Buchempfehlungen und ein von den jungen Leuten selbst erstellter Ratgeber für den deutschen Alltag sind angefügt.

Das von der Staatskanzlei des Freistaats Thüringen finanziell geförderte Buch ist rundum lesenswert. Besondere Zielgruppen der Publikation sind geflüchtete Menschen, Flüchtlingshelfer, Pädagogen und Vereine und Institutionen, die sich mit der Unterstützung von Menschen anderer Herkunftsländer beschäftigen.

Christoph Schmitz-Scholemann