


Foto: Elisabeth Groh
Tagwinter
Vögel durchrudern
den Himmel
zerschlagen das Lautlose.
Wissen vom Anderen.
Bäume, Bojen im Luftmeer.
Im Kopf
marodierende Traumtruppen.
Flocken
glitzernder Schlacken.
Ein Anruf könnte
mir Frostschutzmittel werden.
Was wächst aber ist Blei
der Dämmerung
der Schatten Verzweiflung.
Es kommt
als Geschmack
von Verdrängtem
meiner Rätselhaftigkeit.
Und ein Erkennen dessen.
Der Mann ist Bibliothekar, und folglich sind seine Gedichte nicht nach fragwürdigen Sinn- und Sachkategorien, sondern dem Alphabet nach, von "Abfahren" bis "Wimper", angeordnet - eine schöne Idee, die literarisch auf das Vorbild der "Enzyklopädie" und Roland Barthes' "Fragmente einer Sprache der Liebe" verweisen kann. Fragmentarisch setzt sich Bärwinkels Kosmos zusammen, aber nicht willkürlich-verspielt: Hinter seinem persönlichen ABC verbirgt sich die lyrische Inventur einer ganzen Generation, die im Osten noch mit Volker Brauns Rhetorik als Mundvorrat die friedliche Revolution zu bestreiten gehofft hatte, um sich vor Tagesanbruch im Westen angekommen zu sehen: In alle Reisen, die nun unternommen werden können, werden sich, bis in die australischen Archipele und den "Golf Parthenopes" hinein, Reminiszenzen an eine beschädigte Kindheit mischen, die wiederum nur eine ausgedehnte nimmermüde Lektüre zu überstehen half. Die poetischen Ahnen Bärwinkels sind daher bis in den Zeilenbruch der einzelnen Gedichte hinein präsent - das Lebensmaterial, der Rohstoff dieser Verse hingegen ist seiner; der existentielle Ernst, der hinter der Komik und Absurdität so mancher Stellen hervorlugt, macht sie zu einer Lektüre, die unter die Haut geht und die man nicht so schnell vergisst. Hier schreibt sich einer mit seinem ganz persönlichen Alphabet ins poetische Archiv seiner ganzen Generation ein. Aus Thüringen ist in diesem Herbst kein besseres Debüt mehr zu erwarten.
Jan Volker Röhnert über Roland Bärwinkels Gedichtband "Bevor es zu spät wird", Wartburg Verlag 2011, Edition Muschelkalk Bd. 34.