Die Dichterin Nancy Hünger erhält das Literaturstipendium "Harald Gerlach" 2015 des Freistaats Thüringen


Foto: Andreas Berner

Am 25. Juni 2015 wurde der Dichterin Nancy Hünger das mit 12.000 € dotierte Literaturstipendium "Harald Gerlach" 2015 des Freistaats Thüringen von Prof. Dr. Benjamin-Immanuel Hoff, Minister für Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten und Chef der Staatskanzlei, im Erfurter Haus Dacheröden verliehen.

Der Thüringer Literaturrat veröffentlicht die Dankrede der Preisträgerin.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Familie, liebe Freunde,

verzeihen Sie, denn ich weiß, es ist unüblich, dass die Stipendiaten eine Rede halten, sich vorlaut zu Wort melden, gerne hätte ich Ihnen einige wenige Gedichte aus dem maroden Bergwerk meiner einfältigen Schreibpraxis – Lore um Lore – zutage gefördert oder einen Auszug aus dem ausgepreisten Projekt vorgetragen, aber da ich im Kirstenschen Dunstkreis, im Weimarer Odem, mein Handwerkszeug sortieren lernte, habe ich mich dagegen entschieden, gegen meine Schweigenatur, der es so wunderbar zupass käme, nur einen verschüchterten Dank vors Publikum zu hauchen, um mich sogleich hinter meinen Texten zu verstecken, wo nämlich, was gern vergessen wird – vor lauter nirgendwo – der angestammte Platz des Dichters ist, aber weil die Gelegenheiten selten und weil es ein kleines Jubiläum gibt und weil ich Wulf Kirsten gerade für seine Kunst der Rede bewundere, die alle Gelegenheiten ins Persönliche und Überpersönliche und deshalb geradenwegs ins Politische verkehrt und weil es so viele weitere »weils« gibt, will ich ganz in seiner Manier den Anlass nutzen und Sie müssen meine plötzliche Redelaune nicht nur verzeihen, sondern wohl oder übel aussitzen.
Ich feiere in diesem Jahr ein kleines Jubiläum, vor zehn Jahren hatte ich meine erste Lesung, fand mich ein unerschrockener Verleger, habe ich mit der Arbeit an meinem ersten Band begonnen. Ich wusste nicht, was passiert, welche Wendungen und Hakenschläge mein Leben nehmen würde. Vor zehn Jahren habe ich mich ganz unbedarft an einen Band gewagt, ohne Falltür, ohne Hintergedanken und – wichtiger noch – ohne Autorschaft als schriftstellende Lebenspraxis. Wiewohl das Dasein als Schriftsteller, diese schillernde poetische Existenz, mir ehedem nie eine Angelegenheit der Berufsberatungen oder Jobvermittler schien, nein, Schriftsteller war ein Prädikat, eine Verheißung, Schriftsteller nannte man sich nicht, sondern wurde man genannt, Schriftsteller, das waren und sind die anderen, die Helden in meinem Bücherregal: Beckett, Nizon, Mayröcker, Christensen oder Hilbig beispielsweise. Schriftsteller waren und sind jene, die Untertage kriechen, in den Dunkelgrund der Sprache, um unter widrigen Bedingungen, vergebliche Kerben in eine unbeleuchtete Ewigkeit zu kratzen, während die Kanari tot in den Käfigen wesen und die Grubenlampen allmählich erlöschen. Schriftsteller waren und sind noch immer jene, die alles setzen, nicht wählen zwischen schwarz oder rot, sondern Null spielen, weil das Verlieren-wollen-können-und-müssen, angesichts der Genien notwendige Grundvoraussetzung ihrer Dichtung ist, eine Dichtung, die nichts weniger denn Kunst ist, und die, insofern sie uns Leser abseits der Wühltische und Bestseller-Klebchen unverhofft und unerwartet ereilt, unser Leseleben links- und rechtsherum dreht, uns durch die alpinen Hänge des Herzgebirges scheucht, bis kein Wörtchen, kein Silbchen mehr selbstverständlich über unsere Lippen klappert. Und wer sich sonst noch Schriftsteller nannte und unterhaltend im gebrauchsfertigen Erzählgeschäft die Schmöker plottete, die Dialoge frisierte, Kosten-Nutzen-kalkuliert die neusten Forsaergebnisse ins Tagwerk hineinkrampfte, um das dumpfe Narkotikum reinster Unterhaltung um ein kleines weiteres Butzenwerk zu bereichern, wer also schlicht sein Wörterunwesen trieb, den bannte ich ein extra Fach, das Fach der Autoren. Denn Autor werden und Autor sein, schien mir immer eine Frage für Jobvermittler und Berufsberatungen, Ratgeber und Arbeitsamt. Und ich, ich war weder das eine, noch wollte ich das andere, ich war 10 Jahre jünger und pfuschte gerade meinen Erstling zusammen, der durchaus mein Letztling hätte sein können, denn es war einfaches, schlichtes Glück, das Glück von Ort und Stelle, ein märchenhafter Stoff also, an dem andere – Martin Straub, Gisela Kraft oder Helge Pfannenschmidt – fleißig zu weben schienen, während in meinen Händen trotz sozialistischer Handarbeitskurse noch immer kein Faden durchs Nadelöhr will.
Was mit dieser Fügung, dieser glücklichen Leichtigkeit begann, die mir zugleich auch anmaßend und unverschämt schien, weil man nun für einen Hünger zahlen sollte, weil mein Geschreibsel, das mir selbst schnell, schnell in die Höllen des Unwerts hinabrast, nun plötzlich zwischen zwei Buchdeckeln konserviert wurde, webte sich unaufhaltsam weiter, fuhren die Schiffchen durch mein Leben hindurch und verstrickten mich zusehends in etwas, das mir Lesestoff aus einer anderen Welt, mir dilettantischem Nach- und Leisetreter, unbegreiflich war: die poetische Existenz, die eine Sprachexistenz, eine reine Wortexistenz ist, unduldsam gegen alle äußeren Störungen, sogar gegen die Liebsten, die Freunde, die Familie sich richtet, gegen runde Geburtstage, Taufen oder Erstkommunion, ein lautes Arbeitsveto einlegt, rücksichtslos, uneinsichtig gegen alle lebensverlängernden und lebenspraktischen Maßnahmen. Wo nur hin mit diesem biographischen Hokuspokus, werden sie sich nun fragen, genau auf dies, die poetische Existenz, die bisweilen gnadenlos und vor allem eines, mitleidlos mit all jenen verfährt, die sich an ihr versuchen. Diese Existenz verstreicht gerne im Wachschlaf vier Uhr morgens, wenn man sich allein in der Trostlosigkeit zerwühlter Hotelbetten, im Muff einer deutschen Provinzstadt wiederfindet, deren wahrhaftiges Vorhandensein man zuvor nicht einmal ahnte, diese Existenz ist eine Erfindung der deutschen Bahn und der Kofferindustrie, eine Karawanserei, Lebensform eines fahrendes Volkes, das Bücher, illuminierte Schaubuden der täglichen Verzweifelungskunst, von einem Ort zum anderen schleppt, schleppen muss, um gegen ein paar läppische Groschen das Unglück des vergeblichen Anschreibens auszustellen, dabei soll dieses Völkchen, das an chronischer Verhäuslichung und Menschenscheu, einer Schreibtischexistenz krankt, obendrein beredet, auskunftsfreudig wie die Auskunft selbst, charmant und doch charaktervoll, zurückgezogen, aber weltoffen, handzahm, aber doch wild sein, Sie ahnen, diese Existenz ist ein unentwirrbares Knäul aus inneren Unerträglich- bisweilen Unmöglichkeiten und äußeren Unverschämtheiten. Die Schiffchen rasen hindurch und weben fleißig am Stoff, der plötzliche Lebensstoff Lebensform wird, bevor man sich versieht, führt man eine Nadel, liegt man vernäht mit zerstochenen Händen und aufgefächerten Augen im zerwühlten Hotelbett, vier Uhr morgens, am Rande der Welt oder in Zwickau und hat schon wieder die Zahnbürste vergessen, weil sie noch in der Waschtasche für mittelgroße Lesereisen steckt und man vergaß, sich mit einer vierten auszurüsten. Man hofft, dass man um sechs Uhr morgens ein schlechtes Frühstück bekommt, kurz nach Haus darf, um Wäsche zu waschen, Bücher zu packen, eine Zahnbürste zu kaufen, die Katze zu füttern, damit die Karawanserei von vorn beginnen kann. Dass diese Arbeit, die tatsächlich Arbeit im emphatischen Sinne lohnenswert ist, steht außer Frage, aber sie lohnt leider nicht. Also legt man sich einen Zweit-, Dritt- und manchmal auch Viertjob zu, um den Notstand, das lebensnotwendige Minimum aufrecht zu erhalten, für die Milchmädchen unter uns, ein Job pro Zahnbürste, und unmerklich beginnt der Stoff zu reißen, lösen sich allmählich die Fäden, werden brüchig und mürbe, feiert die poetische Existenz einen Aufstand, streikt, legt die Arbeit, die Wörter – alle und einzeln – lahm. Was tut man, man kündigt den Notstand, Zweit-, Dritt- und Viertjob auf und kriecht, wenn es gut geht mit staatlicher Schützenhilfe und ein paar Kanari unter Tage, in den Dunkelgrund der Sprache, da die Grubenlichter flackern und die Luft so wunderbar knapp ist, dass man für ein gelungenes, gefundenes Einzelwort im Wortganzen, im Taumel der Tiefensucht, gern den ganzen Atem verschwendet, und alle geübten Krimileser ahnen es bereits, die Kanari werden sterben, die Grubenlichter erlöschen und die Geschichte beginnt von vorn, solange unser fast schon rührselig naiver Dichter, der im Namen eines emphatischen und unmodischen Literaturbegriffs, die Kraft erwirtschaften kann, in diese Tiefen ohne Sauerstoffgerät hinabzusteigen, um allen lebenserhaltenden Notwendigkeiten der Oberwelt sein bitterfröhliches Adieu zuzurufen. Gut, gut werden Sie einwenden, aber auch schwarz, schwarz gesehen, schlecht geblickt, denn noch nie waren ja so viele Schriftsteller grundversorgt, noch nie usw., die Lesungen, diese ganze gut dotierte Schaustellerei. Gut, gut, wende ich ein, aber auch rot, rot gesehen, schlecht geblickt, denn meine Bergleute, die Schriftsteller und Dichter sind auf wenige Ausnahmen unterversorgt, versorgt sind nur die Plotter und Frisierer, die Gebrauchskünstler des „Er-Sie-Es-sagte“, ja, ja die Fern- und Funkartisten, deren Däumchen so hübsch in die mediakonformen Schraubzwingen der Betrieblichkeit passen, die auskunfstfreudiger sind als die Auskunft selbst, denen der Dunkelgrund der Sprache nur Mythos und der Kunstbegriff ein anachronistisches Glaubenszeugnis einer bourdieuschen Bourgeoisie ist. Erinnern wir uns an meinen biographischen Budenzauber: Wir feiern also zehn Jahre und mithin auch so manch abgebrochene, gescheiterte, zerborstene Dichterbiographie lieber Kollegen und – viel wichtiger noch – Freunde, die nicht allein am eigenen Anspruch scheiterten, das ist unser frei gewähltes Los, gewiss – sondern schlimmer – an den billigen, profanen lebenspraktischen Notwendigkeiten der Oberwelt, die summa summarum nur ein paar Groschen zählen, weitaus weniger als der Mindestlohn, aber genug, um im Bergwerk nicht zugrunde zu gehen. Kommen wir also, liebe geschundene Aussitzer, zum Ende, ich danke herzlich für dieses Stipendium, das mir einen so lieben Namen trägt, das ich Leise- und Nachtreter nicht einmal in Gänze verdient habe, da ich dem eigenen Anspruch so maßlos unterlegen bin, dass mir schon beim Abstieg ins Dunkel einstweilen die Luft ausgeht, und weil es so viele »weils« gibt und die Gelegenheiten so selten und ich als unglücklich Beglückte zu Ihnen sprechen darf, die zehn Jahre nur mit mindergroßen Blessuren, dank der liebevollen Fürsorge Martin Straubs, Helge Pfannenschmidts, und besonders meiner Familie und Freunde, überstanden hat, danke ich vor allem meinen Liebsten und bitte um Entschuldigung für jeden verpassten Geburtstag, jede Unpässlichkeit, jede Nachlässigkeit in meiner Schwester-Kind-Freundin-Enkelpflicht. Und wo viel Dank ist, muss es auch ein Bitte geben, das mir nicht leichtfertig über die Lippen will, ich häng ja so gern der Vorstellung eines autonomen Selbst, mit allen Erhaltungen, Verantwortungen und Aufopferungen nach, doch genügt es manchmal nicht, gehen einem zwischen allem Ausgedinge die Kräfte aus, benötigt man staatliche Schützenhilfe, die nicht abreißen, nicht schwinden, keine Frage der Profitabilität werden darf, was auch und im Besonderen für die Arbeit der Vermittler, Fürsprecher und Unterstützer gilt, jene Handvoll renitent Literaturgläubige, die selbstlos der Mitkarawanserei durch die Provinzen und Metropolen nicht müde werden, allesamt Mitkofferer, Mitschlepper, Miterleider, ohne die auch nur die Vorstellung einer poetischen Existenz, gleichwohl das Literaturland Thüringen unmöglich, also unvorstellbar wäre, so unvorstellbar wie mir eine Welt ohne Literatur, ohne Kunst, die, um es, mit Verlaub, unmöglich zu verkürzen, doch das letzte zweckfreie Refugium unserer desavouierten, subalternen Existenz darstellt. Denn sie wissen doch, was bleibet aber, stiften die Bergleute.

Haben Sie vielen Dank.