Bücher vorgestellt: "Palmbaum - Literarisches Journal aus Thüringen"


"Palmbaum - Literarisches
Journal aus Thüringen"
Heft 2/2016

Umschlaggestaltung: Strawalde.


Hand aufs Herz: Wer liest heute noch Gustav Freytag? Vor genau einem Jahr hatten wir das Herbstheft dem Thema „Bestseller“ gewidmet. Freytag ist ein exemplarischer Fall dafür, und das im wortwörtlichen Sinn: vom meistgelesenen Autor und vielgespielten Stückeschreiber zwischen Gründung des Kaiserreichs und Ende der Weimarer Republik ist er zum nahezu Unbekannten abgestürzt, von dem man nur ab und zu raunen hört, sein Roman Soll und Haben sei antisemitisch. Und tatsächlich wurde 1977 eine Verfilmung des Romans durch Rainer Werner Fassbinder mit genau diesem „Argument“ verhindert. Ein Verdikt, das selbst so klischeehaft war wie die Klischees, die man Freytag – und Fassbinder ¬– vorwarf. Herbert Knopp, der damalige Drehbuchautor, erinnert in seinem Beitrag für dieses Heft erstmals ausführlich an die Vorder- und Hintergründe der Ablehnung und zeigt, was dadurch verhindert wurde: ein produktiver Umgang mit dem Stoff, der die antisemitischen Klischees aufarbeiten wollte, indem er sie durchsichtig macht, um die sozialökonomischen Gründe dahinter zu erkennen. Nebenbei gesagt: fast rührend liest man, wie ernst das bundesdeutsche Fernsehen vor 40 Jahren noch seinen Bildungsauftrag nahm – um desto zorniger wahrzunehmen, welche Verblödung eben dieses Medium heute auf nahezu allen Kanälen im Wettrennen um „Einschaltquoten“ betreibt. Wir freuen uns, erstmals auch eine literarische Kunstform dokumentieren zu dürfen, die weitgehend unterschätzt wird: die des Drehbuchs. Wer die Szenen liest, sieht den Film schon vor sich und kann nur bedauern, dass er wegen ideologischer Kurzsichtigkeit – diesmal im Westen Deutschlands – nie zustande kam.
Weitere Höhepunkte des Heftes sind Weimar-Gedichte von Andreas Reimann, ein Text-Zyklus von André Schinkel, Beiträge zur Weimarer Lyriknacht, u.a. von Michael Krüger, der zweite Teil des Essays von Dietmar Jacobsen über die Archäologisierung der DDR in Nach-Wende-Romanen, Auszüge aus dem Briefwechsel zwischen Gerhard Altenbourg und Horst Hussel, eine Erinnerung an Hilbigs Prosa-Debüt in der DDR von Ralph Grüneberger, das Gespräch mit Strawalde, der uns einen zauberhaften Einband gezeichnet hat, und die Beiträge der fünf Finalisten zum Menantes-Preis für erotische Dichtung, der im Juni vom Palmbaum und der Kirchgemeinde Wandersleben verliehen wurde. Mögen Sie nicht zuletzt unsere 30 Seiten Rezensionen zu anregender Lektür verführen.

Jens-F. Dwars