Zum Tod des Schriftstellers Wolfgang Held


Wolfgang Held / Foto: privat

Ein Nachruf von Martin Straub

Am 17. September 2014 verstarb der Weimarer Schriftsteller und Drehbuchautor Wolfgang Held. Ein künstlerisch reiches, ehrliches und aufrechtes Leben hat sich vollendet. Vor allem war es auch ein tapferes Leben. Ich habe immer wieder bewundert, wie er seine schwere Krankheit ertragen und nie den Lebensmut aufgegeben hat. Man lese seine Aufzeichnungen, Reise-und Tagebücher, die anlässlich seines 84. Geburtstages am 12. Juli dieses Jahres unter dem Titel „Ich erinnere mich“ Premiere hatten. Und wer denkt nicht an den Spielfilm „Einer trage des anderen Last“ (1988), den weltweit Millionen sahen. Als der Film 1988 in die Kinos kam, wusste man freilich nicht, dass das Drehbuch bereits 1974 vorlag und von Kulturfunktionären der SED abgeschmettert wurde. Dass der Genosse Wolfgang Held einen autobiographischen Stoff aus den frühen 50er Jahren vorlegte, der für Toleranz zwischen Marxisten und Christen warb, verstieß gegen das Dogma. Das Szenario um den Volkspolizisten Josef Heiliger und den Vikar Hubertus Koschenz spielt in der abgelegenen Welt eines Lungensanatoriums. Nur hier war für den Realisten Held ein solches Miteinander lebbar. Ging doch die Partei mit scharfer Intoleranz gegen die Kirche, besonders gegen die Junge Gemeinde vor. Schon früh hatte Held die Schrift des Eisenacher Pfarrers Emil Fuchs „Der Marxismus im Lichte des Evangeliums“ gelesen.
Doch dieses Gebot des Apostel Paulus an die Galater war für ihn nicht allein ein Filmtitel. Es war für ihn ein Lebensgebot. Heißt es doch vor dieser Maxime: „Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, einander nicht herausfordern und beneiden“. Held hat es nicht nur gelesen, er hat es gelebt. Wulf Kirsten erzählt über Wolfgang Held, dass er seinen Schriftstellerkollegen immer wieder geholfen hat, auch denen, die in der DDR in Ungnade gefallen sind und Außenseiter waren, wie etwa Harald Gerlach. Auch Kirsten selbst hat von ihm Zuspruch und Hilfe erfahren. Held sieht dabei seine Jahre in der DDR selbstkritisch. 1990 entschuldigt er sich etwa bei Reiner Kunze mit den Sätzen: „Worte können Unrecht nicht auslöschen, doch sie sollten geeignet sein, Beschämung und Reue all jener Schriftsteller deutlich zu machen, die am 29.10.1976 ihre Hand zum Zeichen für einen Akt der Unterdrückung hoben.“ Es ging um den Ausschluss Reiner Kunzes aus dem Schriftstellerverband.
Wie kommt so einer zu solchen Prägungen? Held wurde in dieses „Zeitalter der Extreme“ (Hobsbawm) hinein geboren. Als die Amerikaner nach Weimar und vor das KZ Buchenwald kamen, war er 15 Jahre alt. Der Vater, Büroangestellter, verlor als konsequenter Sozialdemokrat 1933 seine Stellung. Nach 1945 weigert er sich, in die SED einzutreten und wurde daraufhin gedemütigt und erniedrigt. Sein Onkel Rudi wurde als Kommunist von der Gestapo verhaftet und litt in Buchenwald. Der Mann der Tante gehörte als SS-Mann zur Wachmannschaft des Konzentrationslagers. Die Schwester der Mutter überlebte das KZ Ravensbrück. Sie hatte einen Polen geliebt. Der 15jährige Wolfgang wanderte 1945 auf den Ettersberg, um den von ihm geliebten und verehrten Onkel Rudi zu suchen. Er findet ihn nicht. Sein Schicksal beschäftigt ihn bis in die letzten Lebensjahre. Später erinnerte sich Wolfgang Held an jenen Tag: es war ein “Bild, so ungeheuerlich und grauenvoll, dass es sich mir bis ans Ende meiner Tage immer wieder quälend in die Träume drängen wird“. Ein Häftling nahm den heulenden Jungen beiseite und schickte ihn mit dem Satz „Da sind Tränen nicht genug“ auf den Heimweg. Held stellt sich nach 1945 ganz in den Dienst der neuen Ordnung. 1948 meldete er sich freiwillig zur Volkspolizei. 1949 trat er in die SED ein. Als Oberwachtmeister half er bei „Max braucht Wasser“, jenem Jugendobjekt der Freien Deutschen Jugend (FDJ) für eine Fernwasserleitung zur Maxhütte Unterwellenborn. Er erkrankte an Tuberkulose. Auf all dem fußt die Geschichte um „Einer trage des anderen Last“. Die frühe Ablehnung des Films, so vermute ich, muss in ihm ein Gefühl der Ohnmacht ausgelöst, aber auch eine kritische Sicht gefördert haben.
Wie geht Schreiben und Leben zusammen? Sein Lebensweg war weder einfach noch konfliktfrei. Er liebte das Leben und war ein geselliger Mann. Und auch das soll nicht unerwähnt bleiben, er war ein leidenschaftlicher Tennisspieler. Dass sich der passionierte Autofahrer in den letzten Jahren zum Wanderer mausern sollte, verblüffte ihn selbst immer wieder. In über 50 Jahren hat Wolfgang Held fast 50 Werke veröffentlicht. Sein Kinder- und Jugendbücher sieht er gleichberechtigt neben denen für die erwachsenen Leser stehen. Ich habe das Gefühl, seine Bücherhelden gewinnen insofern aus der Lebenserfahrung ihres Autors, als sie immer mehr bedenken lernen, was der Alltag an Mut und Selbstüberwindung fordert. Bezeugt wird es durch das Tagebuch „Uns hat Gott verlassen“ (2000). Das Buch über Markus und seine Frau Monika, die an Alzheimer erkrankte. Auch die Helden seiner Kinder- und Jugendbücher werden nicht vor Konflikten behütet. „...auch ohne Gold und Lorbeerkranz“ heißt eine dieser Erzählungen, die 1983 erschien und 2003 neu aufgelegt wurde. Held zog damit den Zorn von DDR-Sportfunktionären auf sich.

Eines ist sicher: Held war und ist ein viel gesehener und gelesener Autor. Man denke an Film und Buch „Die gläserne Fackel“ oder an den geschickt komponierten und spannenden Abenteuerroman „Das Licht der schwarzen Kerze“. Held war ein unerschöpflicher Erzähler, ja er lebte auf, wenn er einen Gegenüber hatte. Bei einem Besuch von Angela Egli und mir vor einem Jahr, trugen ihn seine Erinnerungen in sein reiches Leben zurück. Da war er schon von seiner Krankheit schwer gezeichnet. Er erzählte Stunde um Stunde von Walter Janka, von Luis Fürnberg und Bruno Apitz, die prägend für sein Leben waren. Und es fehlten nicht Anekdoten über sein Wirken im literarischen Leben Thüringens nach der Wende, ein Kapitel für sich, über das nun andere erzählen werden. Und wie lebte er nochmals auf, als die Buchpremiere von „Ich erinnere mich“ im Juli 2014 so viele seiner Leser ins „Theater Stellwerk“ nach Weimar zog. Ganz gewiss, wir werden das eine oder andere Buch wieder zur Hand nehmen und uns an Wolfgang Held erinnern. Diesen freundlichen Streiter für Toleranz und so lebendigen Erzähler.